
Mantel van der Lubbes - Außenseite, mit 2 Brandbeschädigungen
und Kohlenanzünder in der Tasche
Quelle: Sluik/Kurpershoek: Radau.
Tatortfoto´s Marinus van der Lubbe (1933), ´S-Gravenhage 1994
Kurz, Fischler tut nicht viel mehr, als Hofer und Calic und ihre Leute tun, indem sie aus Indizien und Hinweisen unumstößliche Beweise konstruieren. Publizistisch haben sie Glück, in einem deutschen Gericht werden sie damit kein Glück haben können.
Es war gegen den 27. Februar 1983, als Walther Hofer mich in meiner Berliner Wohnung aufsuchte; er weilte in Berlin, um einen Vortrag, ich glaube vor der Historischen Kommission, zum 50. Jahrestag des Reichstagsbrands zu halten, und hatte gehört, daß die Veröffentlichung meines Buches über die Baugeschichte des Reichstags bevorsteht. Er bat, meine Auslassungen zum Reichstagsbrand zu lesen. Er las, daß ich der Auffassung war (und bin), daß die Kontroverse, ob die Nazis den Brand gelegt und ausgeschlachtet haben oder ob sie nur opportunistisch gehandelt haben, indem sie ein "gefundenes Fressen" aufgegriffen haben, meine Kenntnisse und meine Meinung über die Nazis nicht wesentlich bereichern würden, weil alles, was ich über Ausschwitz weiß, den Reichstagsbrand in den Schatten stellt. Er sagte daraufhin: "Junger Mann, wenn Sie dieses drucken, werden Sie Schwierigkeiten bekommen". Ich habe nach seinem Weggang keine Silbe geändert. Meine "Schwierigkeiten"?: Meine Bücher werden in der Schweiz bis heute nicht rezensiert, weil, wie mir ein Freund sagte, die Redakteure von Zeitungen bei der Rezension eines Buches über den Reichstag nur auf Hofer und seine Studenten (Graf, Bahar) zurückgreifen, und diese lehnen eine solche Rezension ab; sie nehmen meine Schriften nicht zur Kenntnis.
In einem der ersten Werke der Hofer-Mannschaft, "Der Reichstagsbrand - Die Provokation des 20.Jahrhunderts" (Luxemburg 1978) gehen sie dazu über, gegen Fritz Tobias Schlamm zu werfen, statt sich mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen. Was hatte man gegen Tobias? Daß er ein Sozialdemokrat und Beamter des niedersächsischen Verfassungsschutzes war (S.iii). Eine unsachliche Ausgangsbasis.
"Indizien" werden von ihnen noch immer als "Beweise" ausgegeben, mit einer Penetranz, die in keinem Gerichtssaal zugelassen werden würde. Es grenzt sogar an Paranoia, wenn in dem neuen Verlag der Hofer-Mannschaft, in dem Bahar - er ist laut eigenen Angaben zeitweilig ein Mitarbeiter von Graf im Schweizer Bundesarchiv - seine Version des o.g. Werkes und Band 2 der Dokumentation veröffentlicht hat (Walther Hofer, Edouard Calic, Graf, Friedrich Zipfel, Der Reichstagsbrand, Eine Wissensschaftliche Dokumentation, Bearbeitet von Alexander Bahar, Ahriman-Verlag in Freiburg), der paranoische Satz im Impressum steht: "Bestellungen an den Verlag werden innerhalb einer Woche bearbeitet. Nichtantwort beweist NATO-Postzensur." (Betonung von mir, M.S.C.) Schon vom Impressum bekommt man eine Ahnung, was solche Worte wie "Beweis", "Indiz" und "Hinweis" bei diesen "Wissenschaftlern" bedeuten.
Dies ist Wissenschaft mit Tendenz. Nehmen wir den jüngsten Aufsatz von Bahar und dem Hanussen-Forscher Wilfried Kugel in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (September 1995, S. 823 - 832), eine überarbeitete Version ihres Artikel in der NZZ vom 19./20. August 1995.
Auf S. 824 erfahren wir von den Quellen, die herangezogen wurden. Vor allem Fond 551, St .65, war als "Kriegsbeute im IML beim ZK der KpdSU", ab 1982 beim IML beim ZK der SED in Berlin/Ost unter Verschluß und nur einigen wenigen Historikern zugänglich. Schon damit kommt die erste Frage auf: Wenn die These von Calic und Hofer zur Brandstiftung, daß die Nazis die Täter waren, DDR-Dogma war und wenn diese Unterlagen die These unterstützen, warum haben kommunistische "Wissenschaftler" diese Materialien nicht ausgewertet? Warum wurde die herangezogene Quelle nicht einmal gedruckt in der offiziösen Veröffentlichung "Der Reichtstagsbrandprozeß und Georgi Dimitroff", herausgegeben 1982 (Bd. 1) und 1989 (Bd. 2) in zwei Bänden (der 3. Band ist offenbar ein "Wendeopfer"), obwohl diese Quelle der Redaktion zur Verfügung stand? Könnte es sein, daß die Unterlagen die These, die immer wiederholt wird, nicht stützen?
Bahar und Kugel sind ziemlich selektiv, wenn es darum geht, ihre Zeugen zu qualifizieren. Auf S. 824 ist für sie Hans Bernd Gisevius, der die nach Ansicht der Autoren wahrheitsgetreue Version der Ereignisse um den Reichstagsbrand wiedergibt, nur ein "ehemaliger Gestapo-Mitarbeiter und späterer Mitverschwörer" des gescheiterten Attentats auf Hitler vom 20. Juni 1944. Diejenigen, die in den Brand verwickelt gewesen seien, sind ein "gewisser" Gewehr und der "berüchtigte Berliner SA-Führer Karl Ernst. Bald ist von dem "anarchistischen Schwärmer" van der Lubbe die Rede. Was hätte es gekostet, zu sagen, daß Gisevius ein Beamter der Gestapo gewesen ist? Und diese Aussage und die zwei folgenden sind nicht durch den Fond 551 gedeckt, sondern durch leicht zugängliche Quellen, die Prozeßakten von Nürnberg und Akten aus dem Geh. Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Überhaupt scheinen zahlreiche Dokumente den Herausgebern der Dimitroff-Reihe nicht besonders aufgefallen zu sein.
Kugel und Fischler haben mich vor anderthalb Jahren angerufen. Fischler blieb eine Zeitlang penetrant, Kugel wollte mir nur sagen, daß er durch seine Forschungen über Hanussen auf Akten und Unterlagen gestoßen war, die die These unterstützen, daß die Nazis den Brand gelegt haben.
Wenn Bahar auf neue Akten über den SA-Mann Rall verweist, kann ich mir nicht helfen; mir kommt diese Beweisführung vor, als befänden wir uns im Gericht von Los Angeles beim Simpson-Prozeß. Es sagt aus der Fahrer eines namentlich nicht bekannten und mittlerweile verschwundenen Kontaktmannes zu einer in Mexiko lebenden Kusine eines Piloten, dessen Schwester drei Jahre vorher in dem selben Lokal saß, in dem ein Freund der Frau des Polizisten nur sonnabends verkehrte, der einen nicht passenden Handschuh im Nachbargarten der Ermordeten gefunden oder plaziert hat. Es ist alles so gewunden.
Der Aufsatz von Bahar und Kugel handelt in einem zweiten Teil über den Hellseher Hanussen, zu dem Kugel laut eigener Aussage lange gearbeitet hat und über welchen er auch "neue, bisher unbekannte" Akten ausgewertet haben will. Als Quelle werden sog. "Hanussen-Zeitungen" genannt. Was diese sind, wird in der Quellenbemerkung am Anfang nicht erläutert und auch nicht anderswo. Sind sie auch ein Teil des "Fond 551"?
Schließlich gibt es die Tendenz, im Kreis zu argumentieren. Auf S. 828 wird auf eine Äußerung im Buch von Jürgen Schmädeke "Der deutsche Reichstag" verwiesen. Schmädeke, früher Journalist des Tagesspiegels und seit vielen Jahren Sekretär der Historischen Kommission (die in diesen Tagen aufgelöst wird), wo er durchaus Verdienstvolles in der Wahlforschung und bei der Ausrichtung von Seminaren geleistet hat, hat Ende 1970 bereits ein kleines Büchlein, kein Werk der Wissenschaft, über den Reichstag geschrieben, in dem er die Thesen des Luxemburg-Komitees ausbreitet. Dieses Werk ist, etwas überarbeitet, 1994 im Verlag Piper erschienen. In allem, was er zum Reichstagsbrand schreibt, übernimmt er die Thesen aus den Schriften von Hofer, Calic, Graf und Bahar; jetzt revanchiert sich Bahar und zitiert Schmädeke. Wer nicht wußte, woher der Begriff "Teufelskreis" stammt, hier erfährt er es. Im übrigen wimmelt Schmädekes Buch geradezu von Fehlern, so daß hier mehr als Vorsicht geboten ist. Warum nehmen Bahar und Kugel Schmädekes Darstellungen zu Hilfe, wenn man jetzt die Akten, also Fond 551, zur Hand hat?
Bisher konnte ich verhindern, daß diese Wissenschaftler mich mit Dreck bewerfen, spätestens aber mit der Veröffentlichung dieser Zeilen dürfte auch ich zum Freiwild werden, wie es zuvor bereits Eckehard Jesse, Karl-Heinz Janßen und Wolfgang Mommsen ergangen ist. Ich werde es auszuhalten wissen.
Berlin, Mitte November 1995