
Oberbranddirektor Gempp (Im Vordergrund) bei der Besichtigung des unterirdischen Ganges zwischen dem Reichstag und dem Palais des Reichstagspräsidenten
Quelle: Archiv der Berliner Feuerwehr
Ich bin gebeten worden, mich mit den Thesen eines Düsseldorfer Forschers, Hersch Fischler, auseinanderzusetzen. Ich komme dieser Bitte hiermit nach, aber nur zähneknirschend. Warum ich es überhaupt tue? Weil ich dies versprochen habe - pacta sunt servanda. Aber warum zähneknirschend?
Weil es zunehmend lästig wird, weil vieles auf mich wartet, das lohnender zu bearbeiten scheint. Fischler und alle, die wie er darauf versessen sind, die toten Nazis noch einmal zu töten - Walter Hofer, Edouard Calic, Christoph Graf, Jürgen Schmädeke, Alexander Bahar und Wilfried Kugel - behaupten, wissenschaftlich zu arbeiten. Zugegeben, diese Personen sind zum größten Teil Wissenschaftler. Genau genommen versuchen sie, mit wissenschaftlichen Methoden und mit Methoden, die wissenschaftlich verbrämt sind, einen späten juristischen Sieg davonzutragen. Sie betätigen sich häufig auf dem Gebiet des Forensischen und werfen mit Dreck um sich, statt mit einem einwandfreien Fußnotenapparat ihre Forschungswege nachvollziehbar zu machen. Sie zwingen einen, Stellung zu beziehen, auch wenn man es nicht will. Bezieht man Stellung, vergeudet man wertvolle Zeit, die für andere Forschungsaufgaben besser eingesetzt werden dürfte.
Hersch Fischler kontaktierte mich zunächst, um durch mich zu Christo zu gelangen. Ich hätte in meinem Buch über das Leben - nicht über den Tod - des Reichstagsgebäudes mich mehr oder weniger auf die Seite von Tobias und der These von der Alleintäterschaft van der Lubbes gestellt; Christo brauche jedoch "objektive" Informationen, um zu verstehen, warum er das Reichstagsgebäude verhüllen bzw. nicht verhüllen sollte. Da ich Christo diese Information nicht zukommen lasse, müsse er, Fischler, dies machen. Nun: Christos Anschrift steht in vielen seiner Publikationen zu lesen, stand in vielen Zeitungsartikeln.
Herr Fischler hat die Art gerügt, mit der die Unterabteilung Parlamentsdienste des Bundestags mit dem Projekt "Verhüllter Reichstag" umging. An den Vizepräsidenten des Bundestags Hans Klein - vermutlich auch an die anderen Präsidiumsmitglieder, aber nur Herr Klein hat mir seinen Brief und seine Antwort zukommen lassen - hat Fischler geschrieben, daß das Projekt "sich einseitig zum Medienspektakel" entwickle, "ohne die Bürger zur angekündigten Auseinandersetzung mit dem "Symbol der Demokratie" und seiner Geschichte anzuregen! Dies helfe "völlig unnötig Ideologen der Neuen Rechten, Befürworter für ihre Kritik an der Verhllung zu finden." Ich interpretiere: Die Reichstagsgeschichte würde falsch dargestellt, dies sei Wasser auf die Mühlen der "Neuen Rechten", und er, Fischler, könne dieser Gefahr mit "richtiger" Information zuvorkommen. Wie nobel. Für Herrn Fischler macht die Reichstagsverhüllung nur Sinn, wenn Christo seine, Fischlers, These von der Naziurheberschaft des Reichstagsbrandes übernimmt.
Fischler wollte am 13. Juni 1995 wissen, was der Bundestag zum Projekt produziere. Man gab ihm die Kopie der Brochüre, in der u.a. die Tobias-These von der Alleintäterschaft van der Lubbes referiert wird. Das kann Fischler nicht ruhig schlafen lassen. Hier liegen "offensichtliche Fehlentwicklungen" vor. Die Akten zeigen seiner Meinung nach eindeutig, daß van der Lubbe ein willenloses Werkzeug der Nazis gewesen sei.
Dann berichtet Herr Fischler wahrheitsgemäß, daß er mich im März und April 1994 über die neu zugänglichen Originalakten informierte, "an deren Echtheit das Bundesarchiv keine Zweifel vorbringt. Auf seinen Wunsch hin sandte ich Herrn Cullen vom Bundesarchiv gefertigte Kopien wichtiger Originalakten und bat ihn, Christo und Jeanne-Claude zu informieren. Herr Cullen war vom Auftauchen der Originalakten nicht gerade begeistert (In seinen Veröffentlichungen zum Reichstag behauptete er die Alleintäterschaft van der Lubbes)." Seinem Brief an Klein fügt Fischler Anlagen bei, u.a. Auszüge aus dem Buch von Schmädeke (Piper 1994) und dem Beitrag von Bahar in der Weltwoche vom 9.3.1995.
Es nützt nichts, Herrn Fischler zu sagen, daß der Reichstagsbrand in Christos Kunst absolut keine Rolle spielt, und ich kann ihn beruhigen, daß Christo alle unterschiedlichen Theorien, vornehmlich die von Tobias und die von Hofer/Calic, zur Kenntnis genommen hat und sich von ihnen nicht beeindruckt zeigte. Um es kurz zu sagen: Christo hat den Reichstag nicht verhüllt oder verhüllen wollen, weil der Reichstag gebrannt hat. Für seine Kunst sind ihm der bzw. die Urheber des Brandes nicht wichtig. Er wollte über die Situation des Hauses etwa sagen, auch über die Kunst des Faltenwurfs, und überhaupt nichts zur Geschichte des Reichstagsgebäudes. Da Fischler diese Information nicht befriedigt, trat er gegenüber Frau Süssmuth und anderen Bundestagsvertretern im Zelt des Bundestags hinter dem verhüllten Reichstag derart penetrant bzw. aggressiv auf, daß er mehrfach von Ordnern des Zeltes verwiesen werden mußte. Wo da Wissenschaft sein sollte, möchte man wissen.
Zu Fischlers Behauptungen nehme ich insofern Stellung, als ich zugebe, daß, wenn er Recht hat, zumindest die Alleintäterthese nackt dastehen würde, wenn dies auch noch lange nicht die Erhärtung der These, es seien die Nazis gewesen, beinhalten würde. Aber Fischler verschenkt seine Erkenntnisse, indem er sektiererisch und polemisch und nicht wissenschaftlich vorgeht. Es sind Gehirnwindungen nachzuvollziehen, gegen die ich - nicht wissenschaftlich, sondern instiktiv - mich sträube.