|
"Nach Tilles "Geschichte der deutschen Weihnacht" liegt in unserem Text die
erste literarische
Darstellung einer Berliner Weihnachtsfeier mit dem Christbaum vor. Die Sitte scheint hier erst nach den Befreiungskriegen
allgemeiner geworden zu sein."
Aus: Zwölf Berlinische Geschichten aus den Jahren 1551 - 1816, erzählt von E.T.A. Hoffmann, zusammengestellt und erläutert
von Hans von Müller. München 1921, S. 397
Sign.: B 328 Hoff 2 b
E.T.A. Hoffmann
Der Weihnachtsabend
[...]
Ich wende mich an dich selbst, sehr geneigter Leser oder Zuhörer Fritz - Theodor - Ernst - oder wie du sonst heißen magst,
und bitte dich, daß du dir deinen letzten, mit schönen bunten Gaben reich geschmückten Weihnachtstisch recht lebhaft vor
Augen bringen mögest, dann wirst du es dir wohl auch denken können, wie die Kinder mit glänzenden Augen ganz verstummt stehen
blieben, wie erst nach einer Weile Marie mit einem tiefen Seufzer rief: "Ach, wie schön - ach, wie schön," und
Fritz einige
Luftsprünge versuchte, die ihm überaus wohl gerieten.
Aber die Kinder mußten auch das ganze Jahr über besonders artig und fromm gewesen sein, denn nie war ihnen so viel Schönes,
Herrliches einbeschert worden, als dieses Mal.
Der große Tannenbaum in der Mitte trug viele goldne und silberne Äpfel, und wie Knospen und Blüten keimten Zuckermandeln und
bunte Bonbons und was es sonst noch für schönes Naschwerk gibt, aus allen Ästen. Als das Schönste an dem Wunderbaum mußte
aber wohl gerühmt werden, daß in seinen dunklen Zweigen hundert kleine Lichter wie Sternlein funkelten und er selbst, in
sich hinein- und herausleuchtend die Kinder freundlich einlud, seine Blüten und Früchte zu pflücken.
Um den Baum umher glänzte alles sehr bunt und herrlich - was es da alles für schöne Sachen gab - ja, wer das zu beschreiben
vermöchte!
Marie erblickte die zierlichsten Puppen, allerlei saubere kleine Gerätschaften; und was vor allem schön anzusehen war, ein
seidenes Kleidchen, mit bunten Bändern zierlich geschmückt, hing an einem Gestell so der kleinen Marie vor Augen, daß sie es
von allen Seiten betrachten konnte, und das tat sie denn auch, indem sie ein Mal über das andere ausrief: "Ach, das
schöne,
ach. das liebe - liebe Kleidchen! und das werde ich - ganz gewiß - das werde ich wirklich anziehen dürfen!"
Fritz hatte indessen schon, drei- oder viermal um den Tisch herumgaloppierend und -trabend, den neuen Fuchs versucht, den
er
in der Tat am Tische angezäumt gefunden. Wieder absteigend, meinte er, es sei eine wilde Bestie, das täte aber nichts, er
wolle ihn schon kriegen - und musterte die neue Schwadron Husaren, die sehr prächtig in Rot und Gold gekleidet waren, lauter
silberne Waffen trugen und auf solchen weißglänzenden Pferden ritten, daß man beinahe hätte glauben sollen, auch diese seien
von purem Silber. [...]
Aus: Zwölf Berlinische Geschichten aus den Jahren 1551 - 1816, erzählt von E.T.A. Hoffmann, zusammengestellt und erläutert
von Hans von Müller. München 1921.
Sign.: B 328 Hoff 2 b
Neuntes Stück: Marie Stahlbaum und ihr Pate. Winter 1815/16, S. 232-233.
Sie finden diese Geschichte auch in der Sammlung "Nußknacker und Mausekönig".
|

Wachtposten am Weihnachtsabend auf dem Gendarmenmarkt, 1853
Berlin-Museum, Fotograf: (Hans-Jürgen Bartsch)
Aus: Berlin Archiv. - 04154 |