KULTURBOX (1993-1999) Das Archiv ZLB-Projekte

© 1995 Michael S. Cullen

Die Texte sind dem Buch "Kunst, Symbolik und Politik" der KULTURBOX (1995) entnommen


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Michael S. Cullen

Das Reichstagsgebäude

Ein Baugeschichtlicher Überblick

April 1945, " Für den deutschen Reichstag"
Foto: Archiv Cullen

9.Kommentare

Schon während der Bauausführung gingen die Urteile der Fachwelt über das neue Parlamentsgebäude stark auseinander. Während aber die großen Architekten zu Wallot kamen und sich durch das Haus führen ließen, mußte er lesen, wie Wilhelm II., aber auch der Wiener Kunsthistoriker Karl von Lützow, über das Gebäude als "völlig verun-glückte Schöpfung" herzogen.

Es war Wallots Bestreben, beim Bau des Reichstagsgebäudes, einen neuen nationalen Baustil aus einer Mischung von Formen der italienischen Hochrenaissance und des Neobarock sowie den Möglichkeiten, die die Konstruktion mit Stahl und Glas zu diesem Zeitpunkt bot, zu entwickeln. Man kann leider nicht behaupten, daß ihm etwas anderes gelungen ist als das, was Tilmann Buddensieg als einen "synthetischen Reichsstil" bezeichnet. Die allgemeinen Bestrebungen in den damals jüngeren Architektenkreisen, zu Prinzipien der gotischen Baukunst zurückzukehren, indem durch Glas und Stahl die konstruktiven Elemente nicht verkleidet, sondern in aller "Nacktheit" gezeigt wurden, fanden zwar in der großartigen Kuppel ihren gelungenen Ausdruck; sie paßte jedoch nach der Meinung der Wahrer der alten Kunsttraditionen nicht zu dem großen Hochrenaissance-Quaderbau. Es kam selten vor, daß einer das ganze Gebäude mochte: Ältere Kritiker bevorzugten die Quader- und verabscheuten die Stahl-Glas-Konstruktion, die gewöhnlich für Interims- oder provisorische Bauten benutzt wurde. Die jüngere Generation bevorzugte dagegen gerade diese Konstruktion und konnte sich mit dem Neorenaissance-Bau nicht recht anfreunden. Von Anfang an war das Gebäude heftig umstritten.

Mit der Zeit fielen die Urteile drastischer aus, wobei nicht sicher ist, ob die Kritik dem Inhalt Parlament, Parlamentarismus, Parlamentarier selbst oder dem Gehäuse galt. So fand Otto Erich Hartleben, "daß das Reichstagsgebäude ein klein wenig zu viereckig ist; sonst finde ich es gut". Harry Graf Kessler nannte es eine "schlecht imitierte Augsburger Truhe", Stadtbaurat Ludwig Hoffmann eine "Leichenwagen erster Klasse". Gustav Radbruch nannte es das "Haus ohne Wetter", und Werner Hegemann, der es "nicht mehr erträglich" fand, wollte es abgerissen wissen. Matheo Quinz urteilte so: "Trotz seiner Größe kommt im ganzen Hause nicht eine Spur von feierlicher oder wichtiger Stimmung auf. Der repräsentativste Raum, die große Wandelhalle, auch an grellen Sommertagen in schummerigem Halbdunkel dösend, erinnert stark an ein riesenhaftes Hotelvestibül, das ein waghalsiger Spekulant, die Konjunktur überschätzend, übergroß erbaut hat, auf eine Besucherschaft rechnend, die Weltgeltung und Weltgewandtheit hat; statt dessen wird die ganze Wallotpracht von unscheinbaren Kleinstadthonoratioren bevölkert, denen die Dimensionen schreckhaft erscheinen; wie müde Zwerge verschwinden sie in einem Riesenzirkus, der sich um das Denkmal Wilhelms I. dreht."

10. Die Ausschmückung nach der Schlußsteinlegung

Da die künstlerische Ausschmückung des Hauses bei der Schlußsteinlegung gerade begonnen hatte, waren viele Gemälde noch nicht zur Ausführung gelangt; somit war Wallots Arbeit nicht beendet. Bis 1899 pendelte der geplagte Baumeister zwischen Dresden und Berlin, kämpfte für Maler und Bildhauer; meist gewann er, mitunter mußte er aber auch kleinkarierten Denkweisen klein beigeben. Die von Anton von Werner geplanten Darstellungen der Reichsgründung in Versailles und die Grundstein- bzw. Schlußsteinlegung mußten zurückgestellt werden, weil Bismarck auf zweien dieser Bilder deutlich im Vordergrund gestanden hätte und der alte Reichskanzler, seit fünf Jahren in erzwungenem Ruhestand, außer Mode war.

1895 wurde ein Vertrag zwischen der Reichstagsverwaltung und Franz Stuck über die Herstellung zweier gigantischer Bilder von jeweils 22 m Länge für die Foyers des Bundesrats- bzw. Präsidialtrakts unterschrieben. Als diese Bilder 1898 fertig waren, führten sie zu einem großen Eklat innerhalb der Ausschmückungskommission und auch Anfang 1899 im Reichstagsplenum. Sie wurden dort am 1. und am 20. März 1899, zusammen mit zwei Wahlurnen des Bildhauers Adolf Hildebrand, mit den beleidigendsten und verletzendsten Ausdrücken belegt, hauptsächlich von Zentrumsführer Lieber. Die Verteidigung der beleidigten Künstler im Reichstag war so lau, daß Wallot sich veranlaßt sah, sein Amt als Leiter der Dekoration zum 31. März niederzulegen. Erneut erhob sich ein öffentlicher Proteststurm für die Ehre der deutschen Künste. Die Kluft zwischen dem, was Künstler beabsichtigten und ausführten, und dem, was gewählte Ver-treter des deutschen Volkes für Kunst hielten, war bis dahin nie größer gewesen.

Die künstlerische Ausschmückung des Hauses verursachte im Jahre 1908 mit den Bildern des Münchener Sezessionisten Angelo Jank für den Plenarsaal einen erneuten Skandal. Er hatte nach einem beschränkten Wettbewerb den Auftrag erhalten, drei historische Bilder mit Themen aus der alten Reichsgeschichte zu malen, wobei das Hauptbild eine Darstellung des Sedansieges sein sollte. In einem Pamphlet des MdR Pfeiffer wurde u.a. kritisiert, daß dieses Bild keine authentische Dokumentation wäre; es sei unmöglich, den Kaiser in einem Wintermantel darzustellen, wenn der 2. September 1870 nachweislich ein warmer Sommertag mit blauem Himmel gewesen sei. Der Fuß eines bayerischen Infanteristen sähe aus, als sei er in einen photographischen Entwickler getaucht. Obwohl dieser Streit nicht direkt in den Plenarsaal führte, denn es wurde bereits viel hinter den Kulissen gearbeitet, mußten die Bilder von ihrem Platz entfernt und in den Saal des Haushaltsausschusses gehängt werden.

11. Die Inschrift "Dem Deutschen Volke"

Wie oberflächlich - oder bewußt negierend - Kaiser und Regierung mit ideellen Aspekten der Demokratie umgingen, zeigen die zwei Jahrzehnte, die es dauerte, die Inschrift "Dem Deutschen Volke" anzubringen. Dieser anscheinend von Paul Wallot recht spät erdachte Weihespruch erfreute sich keineswegs der Unterstützung des Kaisers, der die Anbringung auf verschiedenen, nichtamtlichen Wegen zu verzögern wußte. Viele Vorschläge - ernste und komische - wurden bei Feststellung ihres Fehlens in der Öffentlichkeit gemacht: "Dem Deutschen Volke ist der Eintritt verboten" oder "Quatsch nicht, Krause", oder der Vorschlag von Ernst von Wolzogen, der schrieb: "Festgefügt steh ich aus Stein, nun schau Geist, wie Du kommst herein."

Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre gab es immer wieder Vorschläge, die jedoch alle abgelehnt wurden, bis ein Jahr nach Beginn des Ersten Weltkrieges der Unterstaatssekretär im Reichskanzleramt, Wahnschaffe, seine Sorge in einem Brief an den Chef des Zivilkabinets, Valentini, zum Ausdruck brachte, daß der Kaiser mit jedem weiteren Kriegstag die Unterstützung des Volkes verlöre, und es begrüßenswert sei, wenn der Kaiser etwas gegen diesen Treueverlust unternehmen würde durch die Anbringung der Inschrift. Wilhelm II. ließ antworten, daß er keineswegs eine ausdrückliche Genehmigung für die Inschrift erteilen werde, aber sollte die Reichstagsausschmückungskommission beschließen, die Inschrift anzubringen, würde er dagegen keine Bedenken mehr erheben.

Einige Tage später konnte der Präsident des Reichstages, Johannes Kaempf, bekanntgeben, daß die Inschrift beschlossene Sache sei. Der bereits berühmte Architekt und Kunstgewerbler Peter Behrens wurde vom Staatssekretär im Reichsamt des Innern, Theodor Lewald, im Herbst 1915 mit der Gestaltung des Schriftzuges beauftragt. Das Reichskanzleramt besorgte zwei erbeutete Geschützrohre aus den Freiheitskriegen von 1813 und ließ sie in der Gießerei von S. A. Loevy umgießen. Die 60 cm hohen Buchstaben wurden dann als "Weihnachtsgeschenk für das deutsche Volk" zwischen dem 20. und 24. Dezember 1916 angebracht.

12. Reichstagsbrand und Drittes Reich

Der Reichstagsbrand veränderte vieles, nicht nur für Berlin und Deutschland, sondern für die gesamte Welt. Das Feuer hat nicht alles zerstört, u.a. blieben Bibliothek und Archiv intakt. Doch der Plenarsaal und einige umliegende Räume waren unbrauchbar geworden, so daß man die Sitzungen in der gegenüberliegenden Kroll-Oper abhalten mußte, die dafür binnen zehn Tagen notdürftig umgerüstet wurde. Immerhin: Es war in der Kroll-Oper und nicht im Wallot-Bau, wo für das Ermächtigungsgesetz gestimmt wurde. Und: Hitler hat weder als Kanzler noch als Reichstagsabgeordneter den Plenarsaal je betreten; sein einziger amtlicher Besuch im Reichstagsgebäude war am 3. Februar 1933, sein Antrittsbesuch vor dem Reichsrat.

Die Ermittlungen über die Brandursache begannen unter schlechten Vorzeichen und konnten nichts Gutes verheißen. Die Nazis versuchten, den Prozeß zu einem Propagandaerfolg zu machen, und begannen mit der Funkausstrahlung des Prozesses im September 1933. Als jedoch der verdächtigte bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff ein vehementes Plädoyer hielt, stellten die Propagandisten die Ausstrahlung ein, der gesamte Prozeß wurde für die Nazis ohnehin zum Fehlschlag.

Das Reichstagsgebäude selbst fristete einen Dornröschenschlaf für die restlichen elf Jahre des Tausendjährigen Reiches. Für das Scheinparlament hielt das alte Haus die Bibliothek und das Archiv sowie das Stenographenbüro aufrecht. Das Gebäude selbst wurde notdürftig repariert und von den Nazis weiterhin als Propaganda- und Touristenattraktion genutzt. Während der Olympischen Spiele 1936 durften Ausländer unter Führung von "Kraft durch Freude" (KdF) das Haus besichtigen. Ferner fanden Ausstellungen darin statt, wie z.B. "Der ewige Jude" oder "Bolschewismus ohne Maske." Am 27. Februar 1938 eröffnete Reichskulturwalter Moraller im Reichstag die Ausstellung "Entartete Kunst", die Ausstellung selbst fand im benachbarten "Haus der Kunst", ehemals Japanische Botschaft, ehemals Palais Pourtalès, Königsplatz 4, statt.

In der Umgebung des Reichstags sollte nach Hitlers Willen das nördliche Ende der Nord-Süd-Achse im gigantomanen Umbau Berlins zur Welthauptstadt "Germania" entstehen; die "Große Halle des Volkes" von Albert Speer mit einer Kuppelhöhe von 290 m, die dem Reichstagsgebäude und dem Brandenburger Tor die relative Größe einer Außentoilette gegeben hätte. Die "Große Achse" sollte sich bis zum Triumphbogen am Flughafen Tempelhof erstrecken. Hitlers Krieg bedeutete auch das Ende von seiner Pläne. Als der Krieg begann, ließ die Wehrmacht einen Bunker nördlich des Reichstags errichten. Die Fenster wurden zugemauert und das Haus zu einer Festung ausgebaut. Hier fertigte die AEG Funkröhren, im Keller legte man die Wehrmedizinische Zentralkartei an, und später wurde ein Lazarett dort eingerichtet. Auch die Modelle der Hochschulstadt und der großen Achsen wurden im Reichstagsgebäude untergebracht, wo Hitler sie gesehen haben mag. In einer Wöchnerinnenstation kamen mehrere Kinder zur Welt.

Das Reichstagsgebäude hatte schon lange eine Symbolkraft erlangt, die mit seiner Funktion überhaupt nicht zu erklären war. Als der Krieg zu Ende ging, sah die Sowjetunion, obwohl sich hier keine Regierungszentrale befand eine bedeutende Symbolwirkung in der Einnahme des Hauses. Es wurde die allergrößte Feuerkraft darauf verwendet, das Reichstagsgebäude einzunehmen. Nicht auf der Reichskanzlei, sondern hier erfolgte die berühmte Hissung des "Banners des Sieges" am letzten Apriltag 1945 jetzt, 1995, hört man aus Rußland, daß nicht zwei Infanteristen, sondern fünf Artilleristen die Fahne gehißt hatten. Warum dieses Symbol? Vielleicht deswegen, weil der UdSSR andere Machtsymbole Deutschlands unbekannt waren; das Parlamentsgebäude war durch den Reichstagsbrandprozeß und die darauffolgende Heroisierung Dimitroffs sehr bekannt geworden, die neue Reichskanzlei überhaupt nicht.


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