Der Reichstagsbrand

Der Reichstagsbrand in neuem Licht

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II. Einstieg und Brandlegung

  Die nun vorliegenden Ermittlungs- und Vernehmungsakten aus dem Jahre 1933 zeigen, daß van der Lubbe sich schon bei den Vernehmungen über seinen angenommenen Weg ins Reichstagsgebäude in zahlreiche Widersprüche verwickelte, die es zweifelhaft erscheinen lassen, ob er überhaupt auf dem geschilderten Wege ins Gebäude gelangt ist. 12
  So sagte van der Lubbe dem Protokoll der Vernehmung am 28. Februar zufolge 13, er sei "an einem etwa mannshohen Gesims hochgeklet - [S. 609] tert und auf einen kleinen Balkon gestiegen", habe das Glas der Balkondoppeltür eingetreten und sei "in ein Zimmer" gelangt, in dem er das erste Feuer legte. Dagegen liest man im Protokoll der Vernehmung durch den Untersuchungsrichter Vogt am 5. Mai 14, er sei "den tiefen Einschnitt entlanggegangen, der sich zwischen dem Kellergeschoß und der Auffahrt befindet", und dann "am Kellergeschoß, Erdgeschoß bis in das Hauptgeschoß hinaufgeklettert, in dem sich das Restaurant befindet", und über den Balkon dorthin gelangt. Dabei habe er "einen Mantel, einen Rock und eine Weste" getragen. Da seine unterschiedlichen Aussagen mit den örtlichen Gegebenheiten nicht in Einklang zu bringen waren, wurde van der Lubbe schließlich vor das Gebäude geführt und sagte endlich aus: "... muß ich mich dahin berichtigen, daß ich doch über das auf dem Lichtbild erkennbare Geländer und zwar da an der Stelle, wo links in der Ecke ein Drahtgitter gespannt ist, von dem Geländer aus an dem Drahtgitter entlang auf den Mauervorsprung an den unteren vergitterten Fenstern gestiegen und dann unter Benutzung der Fugen der einzelnen Quadern an dem Erdgeschoß zum Hauptgeschoß (Balkon vor dem Restaurationsraum) aufgestiegen bin. Ich habe vorher geglaubt, dass man zwischen dem Eisengeländer und dem Kellergeschoß entlanggehen könne. Darauf ist der Irrtum in meiner vorherigen Aussage zurückzuführen. Ich nahm an, daß dies Geländer sich an der eigentlichen Auffahrt befand, und dass der Zwischenraum zwischen diesem Geländer und dem Kellergeschoß des Reichstagsgebäudes ein sehr viel größerer sei." 15
  Mit solch fragwürdigen Vernehmungsmethoden war es fünf Wochen nach der Tat und nach zahlreichen Vernehmungen endlich gelungen, van der Lubbe zu einer halbwegs plausiblen Erklärung für den Einstieg durch eine Wand-Klettertour zu bringen. Betrachtet man den angeblichen "Tatort" und die konkreten Umstände, erscheint es dennoch fraglich, ob van der Lubbe, am Brandabend in derben Stiefeln und mit einem Wintermantel bekleidet, bei Dunkelheit, Frost und Schnee erst über einen schwankenden Zaun aus mehreren Reihen Stacheldraht, dann rund 4,50 Meter die Wand hinauf und über eine rund 30 Zentimeter vorstehende und 40 Zentimeter hohe Wandbrüstung zwischen Erd- [S. 610] und Hauptgeschoß klettern konnte. Auf die naheliegende Idee, van der Lubbe selbst oder ein Double noch einmal diese Klettertour nachvollziehen zu lassen, wurde allerdings verzichtet. Man begnügte sich mit einem Foto, auf dem die angeblichen Fingerspuren des Täters mit Kartonstreifen markiert wurden. 16 Rätselhaft bleibt, weshalb man lediglich unbrauchbare Fingerabdrücke, aber keine Fußspuren sicherte.
  Zu den Merkwürdigkeiten gehört auch, daß die Beamten der Spurensicherung erst am 1. März den angeblichen Kletterweg an der Außenwand untersuchten und die Fingerabdrücke festgestellt haben wollen, die "sich aber nicht für eine daktyloskopische Behandlung" eigneten. Erst bei dieser Gelegenheit wollen sie dann auf dem Balkon Reste von zusammengekehrten Kohlenanzündern und abgebrannten Streichhölzern gefunden haben, die "offensichtlich anläßlich des Wiedereinsetzens der Scheiben im Restaurationsraum und mit den zersplitterten Glasscheiben auf der Balustrade auf einen Haufen gelegt worden" seien. 17 Ausgerechnet die Einstiegsstelle wurde also weder rechtzeitig noch genau untersucht. Wollte man eine allzu genaue Prüfung der Frage vermeiden, ob und wie ein einzelner nur mit den Füßen die zwei je acht Millimeter dicken Glasscheiben der Balkontür 18 zerschlagen konnte? Oder hätte man möglicherweise auch hier Fingerabdrücke festgestellt, die nicht vom angeblichen Täter stammten?
  Solche Abdrücke fand man nämlich im Erdgeschoß am Rahmen der Scheibe einer verschlossenen Tür, die van der Lubbe mit dem Fuß eingetreten haben wollte, und an Resten eines Tellers, mit dem er seiner Aussage nach die Scheibe eines Schiebefensters zerschlagen hatte. Daß er beim Durchsteigen keine Verletzungen davontrug, erklärte er am 1. März damit, daß er jeweils auch noch die stehengebliebenen Splitter herausgeschlagen habe. Im Bericht des Erkennungsdienstes vom 2. März heißt es darüber zu den Fingerabdrücken: "Die gesicherten Spuren wurden nunmehr mit den Fingerabdrücken des festgenommenen van der Lübbe [sic!] eingehend verglichen, ohne dass eine Identität [S. 611] festgestellt werden konnte." 19 In beiden Fällen stammten sie also nicht von van der Lubbe! Der Verdacht liegt nahe, daß sein "Einstieg" lediglich vorgetäuscht wurde, weil man eine Begründung dafür brauchte, daß er überhaupt ohne fremde Hilfe ins Gebäude kommen konnte.
  Diese Zweifel werden verstärkt, analysiert man die zahlreichen Vernehmungen van der Lubbes, bei denen es um die Brandlegungen selbst geht. Fritz Tobias beruft sich hierfür vor allem auf die Protokolle der ersten polizeilichen Vernehmungen in der Brandnacht und den folgenden Tagen, den "Abschlußbericht" vom 3. März und Aussagen der beiden vernehmenden Kriminalkommissare Zirpins und Heisig. "Folgerichtig und klar" ist für Tobias (S. 31) alles, was van der Lubbe diesen Protokollen zufolge äußert, vor allem "die Antwort auf die entscheidende Frage: ,Zu der Frage, ob ich die Tat allein ausgeführt habe, erkläre ich, daß das der Fall gewesen ist. Es hat mir niemand bei der Tat geholfen und ich habe auch im ganzen Reichstagsgebäude keine Person getroffen‘." 20 Diese Selbstbezichtigung genügt Tobias, um Marinus van der Lubbe im zweiten Kapitel als "Der Täter" zu charakterisieren. Zeugen dafür, daß alles der Wahrheit entspricht, sind, im dritten Kapitel die "Kriminalkommissare".
  Dort finden sich gleich zwei gravierende Beispiele dafür, wie Tobias, um seine These zu untermauern, Dokumente manipuliert hat: Aus dem Abschlußbericht Zirpins’ zitiert er dessen Antwort auf "die entscheidende Frage": "Die Frage, ob van der Lübbe [sic!] die Tat allein ausgeführt hat, dürfte bedenkenlos zu bejahen sein" (S. 76). Was Tobias hier unerwähnt läßt, ist, daß sich dies - wie aus dem im Anhang seines Buches als "Dokument 5" (S. 609-613) auszugsweise abgedruckten Wortlaut hervorgeht - zunächst allein auf Brände im Wohlfahrtsamt, Rathaus und Schloß zwei Tage vor dem Reichstagsbrand bezieht, die van der Lubbe zuvor laut Vernehmungsprotokoll als sein Werk bezeichnet hatte, während zum eigentlichen Reichstagsbrand nur hinzugefügt wird: "Hier sowie im Reichstag hat der Täter Kohlenanzünder verwendet." Darauf folgt der für die Entstehung des Großbrandes wirklich entscheidende Satz: "Die Frage, ob auf die geschilderte Art und Weise be- [S. 612] sonders der umfangreiche Brand im Plenarsaal so schnell entstehen konnte, dürfte 21 durch Sachverständige zu prüfen sein." - Tobias’ "entscheidender" Beweis für die Alleintäterschaft erweist sich somit als unvollständiges Zitat und Herstellung falscher Bezüge.
  Als weitere "überzeugende Beweise" Zirpins’ führt Tobias (S. 76) aus Zirpins’ Bericht an:
  "Die Schilderung des Tatortes und der Tatausführung hat van der Lübbe [sic!] schon von der ersten Vernehmung an (also vor der Tatortbesichtigung selbst) genau mit allen Einzelheiten, Brandstellen, Beschädigungen und Spuren sowie des Weges, auf dem sie liegen, so angegeben, wie sie ihm noch in Erinnerung waren. Hierzu ist aber nur derjenige in der Lage, der die Tat selbst ausgeführt hat. Einer, der nicht dabei war, konnte dies alles, besonders die nicht planmäßig angelegten kleineren Brandstellen, nicht vorher schon beschreiben und nachher praktisch demonstrieren."
  Dem läßt Tobias, als scheinbar unmittelbare Fortsetzung des Zitats aus dem Abschlußbericht, noch einen Satz folgen, der in Wirklichkeit im Bericht erst einige Seiten später im Argumentationszusammenhang mit Zirpins’ "Beweis" dafür auftaucht, daß van der Lubbe "zu seiner Tat von dritter Seite angestiftet worden ist":
  "Die Rekonstruktion des Tatherganges, die er bei den einzelnen Fällen wahrheitsgemäß schilderte, war - wie die wiederholten Nachprüfungen ergaben - lückenlos."
  Im Lichte der heute zugänglichen Vernehmungsprotokolle und Rekonstruktionsversuche von 1933 ist diese Behauptung unhaltbar. Insgesamt waren van der Lubbes Angaben über seinen Einstieg ins Gebäude und seinen Brandweg durch den Reichstag schon bei den ersten Vernehmungen vom 28. Februar bis 2. März in sich so widersprüchlich, daß noch bis in den Prozeß selbst hinein immer neue Versuche, die Details zu klären, nötig wurden. Entsprechend ambivalent war Zirpins’ Bericht abgefaßt, und um überhaupt an van der Lubbe als einzigem gefaßten Täter festhalten zu können, mußte er wenigstens imstande gewesen sein, ins Gebäude zu gelangen und die vielen kleinen Einzelbrände außerhalb des Plenarsaales gelegt zu haben.
  [S. 613] Eben dies zweifelsfrei nachzuweisen ist - entgegen Zirpins’ durch Tobias übernommener Behauptung - nicht gelungen.
  Außerdem findet sich bei Tobias (S. 77) ein zweites krasses Beispiel einer Textmanipulation:
  Hier zitiert Tobias aus dem Protokoll der Reichsgerichtsverhandlung vom 27. September 1933, das zu den wenigen gehört, die ihm aus den Berliner Gerichtsakten zur Verfügung standen, eine von Torglers Verteidiger Dr. Sack an Zirpins gerichtete Frage, die der Leser in dem von Tobias dargestellten Kontext allein auf den Reichstagsbrand beziehen kann:
  "Darf ich Sie dann bitten, Herr Zeuge, dem hohen Senat gegenüber diese Ansicht zu begründen, die hier im Bericht vom 3. März niedergelegt ist, nach der also van der Lubbe zweifelsohne als Alleintäter in Frage kommen soll."
  Tobias läßt Zirpins "diese nicht unverfängliche Frage" so beantworten:
  "Die Tatausführung war in allen Brandstellen dieselbe. Marinus van der Lubbe hat, wie gesagt, das alles selbst zu Protokoll gegeben. Ich nehme an - es steht bei mir fest - daß er es selbst gemacht hat."
  Liest man dagegen das Original-Protokoll dieses 6. Verhandlungstages, des 27. September 1933, ergibt sich aus der Frage des Verteidigers Dr. Sack und Zirpins’ Anwort, daß sich diese Aussage allein auf die Brände im Wohlfahrtsamt, Rathaus und Schloß bezieht. 22 Das aber war keineswegs eine "unpopuläre, ja provozierende Erkenntnis" über van der Lubbe als Reichstagsbrand-Alleintäter, sondern Zirpins behauptete lediglich, daß van der Lubbe diese drei Brände vor dem Reichstagsbrand alleine gelegt hatte. Für den Reichstagsbrand selbst blieb angesichts der Widersprüche und Zweifel, die schon bei den ersten Vernehmungen und Lokalterminen auftauchten, die Suche nach Mittätern oder Hintermännern nicht nur legitim, sondern dringend geboten - und zwar nicht nur in eine Richtung. Zirpins allerdings hat den Verdacht nationalsozialistischer Täterschaft von vornherein ausgeschlossen und in seinem Abschlußbericht den Verdacht einseitig in Richtung der Kommunisten gelenkt: "Die Erhebungen in dieser Rich- [S. 614] tung werden mit Nachdruck geführt", heißt es ausdrücklich am Ende des Abschlußberichtes.
  In immer neue Schwierigkeiten stürzte van der Lubbe die Vernehmer auch bei dem Versuch, anhand seiner Aussagen die vielen kleinen Brandlegungen außerhalb des Plenarsaales im Haupt- und Erdgeschoß in eine nachvollziehbare und von einer Einzelperson zu bewältigende Reihenfolge zu bringen. Auffällig ist, daß er allein über die Brandlegungen im Restaurant einigermaßen präzise Angaben machte, in allem weiteren aber in zunehmende Verwirrung geriet. Bei der Ortsbesichtigung am 11. März heißt es nach zehn Seiten detaillierter Wegbeschreibung plötzlich: "Vermerk: van der Lubbe brachte inzwischen zum Ausdruck, dass der bisher von ihm beschriebene Weg nicht der richtige sein kann." Am nächsten Tag heißt es im Protokoll dann, "dass meine Angaben über den bei der Tat zurückgelegten Weg, über die benutzten Brennmittel und deren Brenndauer, als auch über die in Frage kommenden Zeiten, zum Teil auf meinen Kombinationen beruhen. [...] Ich werde meiner Überzeugung nach auch in Zukunft nicht in der Lage sein, eine noch genauere Beschreibung über die Tatausführung abzugeben, wenigstens nicht in wesentlichen Punkten." Dazu folgt noch ein Vermerk: "Es war ursprünglich beabsichtigt, zum Zwecke der möglichst genauen Ermittlungen der Zeit der Tatausführung, van der Lubbe den Weg so durchlaufen zu lassen, wie er seiner Ansicht nach zurückgelegt wurde. Infolge der aber inzwischen aufgetauchten diesbezüglichen Zweifel wurde davon zunächst Abstand genommen." Dessen ungeachtet ließ man ihn am 13. März nach Verlesung des Protokolls vom Vortage einen detaillierten, nach Räumen gegliederten Zeitplan unterschreiben, der sich auf "ca. 15 bis 16 ½ Minuten" summierte, während es am Vortage noch hieß, "auf alle Fälle ist die Zeit bei der Tatausführung meiner Schätzung nach auf 20 Minuten anzunehmen, mindestens aber eine Viertelstunde". Damit war nach aller Verwirrung doch noch der bei Tobias abgedruckte Zeitplan vom 10. März (S. 605 f.) gerettet, der sich auf genau 15 Minuten summierte. 23 Von allen im Protokoll der Folgetage festgehaltenen Zweifeln findet sich bei Tobias (S. 606) nur der den tatsächlichen Umfang der Unsicherheiten beschönigende Hinweis aus dem Protokoll vom 12. März: "Aus seinen Antworten ergab sich, dass er sich ganz gut der einzelnen Handlungen erinnere, dass er [S. 615] sich aber - was er ganz besonders betonte - über den zeitlichen Zusammenhang (Reihenfolge) der einzelnen Handlungen nicht klar ist." 24
  Ähnlich verwirrend waren seine Erklärungen dem Protokoll zufolge am 5. Mai vor dem Untersuchungsrichter. "Dann bin ich bestimmt aus der Restauration herausgelaufen. [...] Es muß so sein, aber ich kann mich nicht daran erinnern. An das Herausgehen aus dem Raum kann ich mich nicht genau erinnern. Ich weiß auch nicht, wohin ich vom Restaurant aus gegangen bin. Es kann möglich sein, daß ich gleich in den Keller gelaufen bin, ich weiß das aber nicht genau." 25
  Völlig unmöglich war es schließlich, ihn auf eine plausible Aussage über den eigentlichen Großbrand um den und im Plenarsaal festzulegen. Am 12. März 1933 heißt es: "Zu der Brandstelle am Umgang des Plenarsaals, am Eingang von der Westseite her, geführt, erklärte van der Lubbe, er wisse nicht, auf welchem Wege er hierher gekommen ist. [...] Er könne sich nicht erinnern, ob er den hier befindlichen grossen Vorhang angesteckt hat, halte es aber für möglich. [...] Den Weg von hieraus weiter kann ich nicht angeben, ich weiss auch nicht, was ich von hieraus als Feuerträger benutzt habe." Zum Plenarsaal heißt es dann: "Ich kann beim besten Willen nicht angeben, welchen Weg ich vor meiner Ankunft am Präsidium zurückgelegt habe. Ich weiss nur anzugeben, dass ich die Treppe am Portal 4 [= Ostportal, Ebertstraße] heraufgelaufen bin. Auf welchem Wege ich in den Plenarsaal gelangt bin, kann ich nicht angeben. [...] Ich weiss bestimmt, dass ich einen Vorhang angesteckt habe, der sich im Plenarsaal befand." 26 Dagegen gab er am 8. April 1933 vor der Brandkommission detailliert an, den Plenarsaal von Westen betreten zu haben, zum Präsidium und zurück gelaufen zu sein, dann widerrief er dies als ein Mißverständnis. Bei der Vernehmung durch den Untersuchungsrichter Vogt am 5. Mai wollte er den Saal von der Ostseite betreten, dort Feuer gelegt, den Saal durchquert haben und wieder zurück gelaufen sein. 27
  Am Schluß der Vernehmung vom 8. April hatte der Vernehmer Marowsky sich nur noch mit einem Vermerk zu helfen gewußt: "v. d. Lubbe macht bei seiner vorstehenden Vernehmung einen durchaus unglaubwürdigen Eindruck. Er verwickelt sich des öfteren in Widersprü- [S. 616] che, macht ganz präzise Angaben und stößt diese sofort wieder um, sobald sie im Protokoll niedergelegt sind. [...] Seine heutige Aussage über die Brandlegung im Reichstag, hauptsächlich im Plenarsaal und seinen danach zurückgelegten Weg zur Bismarckhalle, dürfte mit seinen früheren Angaben nicht mehr übereinstimmen." 28
  Auch Vogt mußte, am 6. Prozeßtag, dem 27. September 1933, als Zeuge befragt, eingestehen: "Ich glaube, es wird nicht möglich sein, auch wenn die sämtlichen Beamten, die ihn über den Brandweg vernommen haben, gefragt werden und wenn die gerichtlichen Protokolle darüber verlesen werden, ein klares Bild zu bekommen, wie er gelaufen sein will." 29
  Dagegen liest man bei Tobias (S. 65): "In rasendem Lauf war van der Lubbe durch die Säle und Gänge gestürmt. Immer wieder wurde bezweifelt, daß die vielen Brandstellen von einem einzigen Täter herrühren könnten. Die ärgsten Skeptiker mußten sich jedoch später durch den Augenschein selbst davon überzeugen, denn van der Lubbe mußte immer wieder den Brandweg unter Kontrolle der Stoppuhr während der Untersuchungsdauer ablaufen und dabei alle Einzelheiten - wie in der Brandnacht - wiederholen."
  Hauptzeugen für all dies sind bei Tobias immer wieder die Kriminalkommissare der von Göring eingesetzten Brandkommission der Politischen Polizei bzw. Gestapo und insbesondere Heisig und Zirpins: Von Heisig behauptet Tobias, dieser habe am 22. September vor dem Reichsgericht "mit Nachdruck auf die Glaubwürdigkeit van der Lubbes, nämlich darauf hingewiesen [...], daß dessen Angaben über den Brandweg stets ohne Widersprüche und unverändert waren" (S. 322 f.). Dagegen liest man in eben diesem Protokoll die Aussage Heisigs, es seien "verschiedene Widersprüche aufgetaucht, [...] es stimmte nicht alles ganz genau, er korrigierte sich auch öfters, er war sich seiner Sache nicht ganz sicher"; auf die Frage, ob er die Tat allein gemacht oder Mittäter gehabt habe, "gab er keine genügenden Auskünfte". 30
  Heisig dient Tobias auch an anderer Stelle zur Stützung seiner Alleintäterthese: Dabei hat Tobias gezielt einen Bericht über die Erklärungen verkürzt, die der zu Nachforschungen über van der Lubbe nach Holland entsandte Heisig 31 dort auf einer Pressekonferenz am 11. März [S. 617] 1933 abgegeben hat (S. 84-89). Ein längeres Zitat aus dem "Algemeen Handelsbladet" vom 12. März 1933 32 läßt er mit dem Satz enden: "Nach der Meinung des Herrn Heisig hat van der Lubbe ganz allein den Brand gestiftet."
  Liest man das Original dieses Artikels, steht dieser Satz in einem ganz anderen Zusammenhang, von dem bei Tobias nur die im folgenden kursiv gedruckten Passagen zu lesen sind. In deutscher Übersetzung aus dem niederländischen Original heißt es:
  "Herrn Heisig wurde die Frage gestellt, ob die ganze Brandstiftung nicht von politischen Gegnern der Kommunisten in Szene gesetzt worden sei und man die Mittäter van der Lubbes habe entkommen lassen. Das ist alles Schwindel - lautete die derbe Antwort des deutschen Polizeibeamten. Es war absolut unmöglich, daß Mittäter entkommen sind. Und es steht fest, daß van der Lubbe nach seiner Ankunft in Deutschland am 18. Februar, mit vollkommen gültigem Paß, stets Kontakt mit kommunistischen Kreisen und mit Personen vom linken Flügel der Sozialdemokraten gesucht hat. Man hat in diesen Kreisen willig Gebrauch gemacht von seinem Ehrgeiz, in den Vordergrund zu treten vor seinen wahrscheinlichen indirekten Mithelfern. Aber nach der Meinung des Herrn Heisig hat van der Lubbe ganz allein den Brand gestiftet. Daß er sich nicht über seine Mithelfer äußert, sollte man wohl der Tatsache zuschreiben, daß er nur ganz oberflächlich über politische Versammlungen und Zusammenkünfte der deutschen Kommunisten Bescheid wußte. Daß er am Mittag des Brandtages mit dem Abgeordneten Torgler im Reichstagsgebäude zusammengetroffen ist, steht inzwischen wohl fest, obwohl er das leugnet."
  In "De Leidsche Courant" hieß es in diesem Zusammenhang: "Die Antwort von Herrn Heisig war - und wir hatten natürlich nichts anders erwartet: ,Schwindel!‘ Der Kommissar sagte, daß es total ausgeschlossen genannt werden muß, daß - mittelbar oder unmittelbar - andere Gruppen als Kommunisten den Brand verursacht hätten." Das "Leidsch Dagblad" schrieb: "Alles Schwindel, urteilte Herr Heisig. Van der Lubbe hat seine kommunistischen Verbündeten selbst gesucht und sie tatsächlich gefunden."
  [S. 618] Heisig hat also den Verdacht einer NS-Mittäterschaft scharf zurückgewiesen und zugleich behauptet, daß van der Lubbe das Feuer zwar allein angezündet habe, daß seine "wahrscheinlichen indirekten Mithelfer" aber in KPD- und linken SPD-Kreisen zu suchen seien. Das aber stimmt genau mit Zirpins’ Abschlußbericht überein, der auf den gemeinsamen Ermittlungen beider Kriminalkommissare beruhte, und das ist auch die im Prozeß von der Anklage durchweg verfolgte Linie gewesen.
  Ungeprüft übernimmt Tobias auch eine Falschbehauptung, die Zirpins schon im Prozeß aufgestellt und 1950 einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge, damals unter dem Pseudonym "Kriminalbeamter X", wiederholt hatte, daß nämlich – so Tobias - "der Holländer die Kriminalbeamten am Tage nach dem Brand einwandfrei in den Plenarsaal geführt und den Weg dorthin vorher aufgezeichnet hatte". 33 In Wirklichkeit zeigen die Zeichnungen in den jetzt zugänglichen Ermittlungsakten nur grobe Skizzen der Straßen um die vier Brandorte (Wohlfahrtsamt, Rathaus, Schloß, Reichstag) sowie, mit Rot- und Blaustift markiert, van der Lubbes Wege rund um diese Gebäude. Beim Reichstag sind dazu nur die Stellen des angeblichen Einstiegs und der Festnahme durch zwei Punkte markiert und mit zwei geraden Linien verbunden, die den verschlungenen Weg der tatsächlichen Brandlegungen durch zwei Stockwerke nicht einmal andeuten und den Plenarsaal überhaupt nicht berühren. 34



12 Das hat erstmals Hersch Fischler detaillierter beschrieben; siehe seinen Artikel "Das falsche Urteil zum Reichstagsbrand", in: Rheinischer Merkur Nr. 59/10.12.1993, 36. Vgl. auch: Jürgen Schmädeke, Der Deutsche Reichstag. Geschichte und Gegenwart eines Bauwerks. München-Zürich 1994, 103-107. [Zurück zum Text]
13 Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Bestand ST 65, Bd. 1, Blatt 60. - Im folgenden zitiert in der Form: BA (wie Anm. 13), ST 65/1, Bl. 60. Hervorhebungen, auch in den folgenden Zitaten, durch die Verfasser. [Zurück zum Text]
14 BA (wie Anm. 13), ST 65/6, Bl. 56/57. [Zurück zum Text]
15 Ebd. Bl. 67/68. [Zurück zum Text]
16 BA (wie Anm. 13), ST 65/229, Foto 23. [Zurück zum Text]
17 BA (wie Anm. 13), ST 65/53, Bl. 3-5: KJ I,8 (Brandkommissariat): Fortlaufender Bericht, 28.2./1.3.1933, Bl. 3-5, darin: "4 Abdrücke, von der Außenwand, an welcher der Täter v. d. L. in das Reichstagsgebäude eingestiegen ist." [Zurück zum Text]
18 BA (wie Anm. 13), ST 65/229, Foto 37: Bild einer solchen Scheibe. ST 65/53, Bl. 3, KJ I,8 (Brandkommissariat), Fortlaufender Bericht, 28.2.1933: "Der Täter erklärte, [...] nach Eintreten der 8 mm starken Fensterscheiben (Doppelfenster) hier eingedrungen zu sein." [Zurück zum Text]
19 BA (wie Anm. 13), ST 65/53, Bl. 204/205 (Ortsbesichtigung), 59 (Spurensicherung). [Zurück zum Text]
20 Vernehmung am 2.3.1933: BA (wie Anm. 13), ST 65/1, Bl. 63 R - 65 R; Zitat Bl. 64R; abgedruckt in: Dimitroff-Dokumente (wie Anm. 11), Bd. 1, 65-68, Zitat 66. - Seitenangaben im Text beziehen sich hier und im folgenden auf Tobias, Reichstagsbrand (wie Anm. 2). [Zurück zum Text]
21 Im Original des Abschlußberichts ( BA [wie Anm. 13], ST 65/109, Bl. 60-72, hier Bl. 66; vollständig abgedruckt in: Dimitroff-Dokumente [wie Anm. 11], Bd. 1, 70-78, hier 74): "dürfte zwar noch" dem allerdings kein "aber" folgt. [Zurück zum Text]
22 BA (wie Anm. 13), ST 65, Bd. 69,99, Stenographisches Protokoll, 6. Verhandlungstag, 27.9.1933, 61-62. - Im folgenden zitiert in der Form: ST 65/ 69,99, 6. VT/27.9.1933, 61-62.
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23 BA (wie Anm. 13), ST 65/53, Bl. 202-211. Zitate: Bl. 207, 210, Zeitplan 10.3.1933: Bl. 219 ff. [Zurück zum Text]
24 Im Original: BA (wie Anm. 13), ST 65/53, Bl. 207 R. Die 18 Seiten des Originalprotokolls sind bei Tobias auf eine halbe Seite zusammengeschrumpft. [Zurück zum Text]
25 BA (wie Anm. 13), ST 65/6, Bl. 58/59. [Zurück zum Text]
26 BA (wie Anm. 13), ST 65/53, Bl. 208. [Zurück zum Text]
27 BA (wie Anm. 13), ST 65/6, Bl. 74 R/75, Bl. 63-65. [Zurück zum Text]
28 BA (wie Anm. 13), ST 65/6, Bl. 76. [Zurück zum Text]
29 BA (wie Anm. 13), ST 65/69,99, 6. VT/27.9.1933, 152 ff. [Zurück zum Text]
30 BA (wie Anm. 13), ST 65/69,99, 2. VT/22.9.1933, 55, 73. [Zurück zum Text]
31 Zu Heisig siehe auch unten S. 647. [Zurück zum Text]
32 Tobias gibt irrtümlich den 11.3.1933 an; an diesem Tage fand in Leiden das Interview statt, über das die Amsterdamer Zeitung am 12. März berichtete; die im folgenden zitierten Leidener Blätter berichteten schon am 11. März. [Zurück zum Text]
33 Tobias, Reichstagsbrand (wie Anm. 2), 469; "Kriminalbeamter X": siehe unten S. 647f.; vgl. Zirpins' entsprechende Falschaussage bereits im Prozeß: BA (wie Anm. 13), ST 65/69,99, 6. VT/27.9.1933, 55: "Ich selbst war im Reichstag nur zweimal und kannte die Lage und die Umstände nicht genau; aber van der Lubbe hat das so fabelhaft aufgezeichnet, daß es nachher, als wir den Tatort besichtigten, tadellos zusammenpaßte. Ich wäre, offen gestanden, nicht in der Lage gewesen, das so schön zu rekonstruieren, wie er es gemacht hat. Ich habe ihm einen roten und einen blauen Buntstift gegeben und damit zeichnete er den Hinweg und den Rückweg ganz genau auf." [Zurück zum Text]
34 BA (wie Anm. 13), ST 65/1, Bl. 55/56 (= "Hauptband I" der Prozeßakten, 55/56, auf die sich Zirpins' Vernehmung am 27.9.1933 ausdrücklich bezog), davon Kopie: ST 65/53, Bl. 77/78, und ST 65/63, Bl. 41/42.


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