Der Reichstagsbrand

Der Reichstagsbrand in neuem Licht

Seite 11 von 13

  [S. 643] Zum zweiten Fall: Erik Jan Hanussen, bürgerlich Hermann Steinschneider, war ein in den frühen dreißiger Jahren berühmter Illusionist und Hypnotiseur. Trotz seiner jüdischen Abstammung unterhielt er als Freund und Geldgeber intensive Kontakte mit hohen Berliner SA-Führern wie Wolf Graf Helldorf, Ernst Röhm, Karl Ernst, Achim von Arnim und Wilhelm Ohst. Als geschickter Geschäftsmann mit mehr als zweifelhaften hellseherischen Fähigkeiten benutzte er diese Kontakte zugleich als gute "Quellen" für seine Prophezeiungen über Deutschlands Zukunft und Hitlers Aufstieg. So können Hanussens Voraussagen, die von Historikern bisher kaum beachtet wurden, dazu beitragen, die Pläne der Nazis zum "Sturz der Verfassung" der Weimarer Republik zu rekonstruieren.
  Hanussen publizierte seine politischen "Schauungen" in der eigenen "Hanussen-Zeitung". Schon seit August 1932 häuften sich darin 99 Voraussagen, daß "Hitler zum Äußersten bereit" sei (8.8.1932), die Zeit für den "Sturz der Verfassung" durch die NSDAP sei "näher als man denkt", er werde "überraschend und völlig unerwartet" kommen (8.9.1932), der "Versuch eines politischen Attentats gegen öffentliche Gebäude, vielleicht auch eine bestimmte Person" werde erwartet (10.11.1932). Nach Hitlers Machtantritt wurden die Vorhersagen noch konkreter: Von "Komplotten und ähnlichen Dingen" in der zweiten Februarhälfte ist die Rede, was "zu weitgehenden Schlüssen Anlaß" geben würde, "über die wir uns im Augenblick jedoch noch nicht auslassen können. [...] Vom 24. zum 26. Februar [...] das sind die Tage, in denen das Kabinett des Reichskanzlers Hitler die erste große Feuerprobe bestehen muß" (8.2.1933). 100
  Am 24. Februar 1933 schließlich erschien eine "Sonderausgabe / Wahl- und Wehrnummer" zur kommenden Reichstagswahl am 5. März 1933 mit der Schlagzeile "Hitler-Majorität!". Darin schreibt Hanussen: "Fort mit dem Reichstag! Schluß mit dem Parlamentarismus!" und prophezeit einen "durch Sowjetmittel subventionierten allerletzten Gewalt- und Verzweiflungsstoß". In Dr. Baeckers "Todeshoroskop des neuen Reichstages" heißt es: ",Tod durch Unfälle oder andere Katastro- [S. 644] phen.‘ [...] Die Reichstage der bisherigen Art, die Reichstage ewigen Parteihaders, wie sie die Weimarer Verfassung schuf [...] sind vorbei. Der Wendepunkt ist gekommen. Das Schicksal schreitet wuchtig seinen Weg."
  Fettgedruckt ist ein Nachsatz: "Es wird eine schwere Arbeit sein, Provokationen auszuweichen, um nicht die Wahl überhaupt in letzter Minute zu gefährden. Mehr kann an dieser Stelle nicht angedeutet werden." Am 8. März 1933, nach dem Reichstagsbrand und nach den Wahlen nimmt "D-.", das ist Dzino, Hanussens Privatsekretär, in der Hanussen-Zeitung auf letztgenannte Andeutung Hanussens konkreten Bezug: "Wie recht Hanussen damit hatte, hat die Brandlegung im Reichstagsgebäude bewiesen, ein Akt der Sabotage, den Hanussen ahnte, den er aber [...] natürlich nicht publizieren durfte. Hanussen hat jedoch [...] maßgebenden Stellen von seiner inneren Unruhe diesbezügliche Kenntnis gegeben."
  Am Vorabend des Reichstagsbrandes, dem Abend des 26. Februar 1933, fand eine "Privat-Seance bei Hanussen" statt. In einem Bericht des "12 Uhr Blattes" am 27. Februar heißt es: "Graf Helldorf überreichte ein Stückchen Papier, Hanussen wird ernst, nachdem er einen Blick darauf geworfen und - bewußt oder unbewußt - wird sein Arm in der römischen Schrägstellung steif, er prophezeit die Geschehnisse eines gewissen Datums, das auf dem Papierchen steht." (Nachfolgend fehlt im Zeitungsbericht offenbar der Teil des originalen Beitrags mit den Details.)
  PEM (Paul Marcus), seinerzeit Journalist des 12 Uhr Blattes und nach eigenen Angaben bei der Séance anwesend, berichtete am 29. September 1951 in der "Münchner Illustrierten": "Maria Paudler war die Rolle des Mediums zugeteilt. [...] Die blonde Schauspielerin begann zu prophezeien: ,Ich sehe gesegnete Felder ... Deutschland wird glücklich ... das Volk jubelt seinem Führer zu ... noch hat er Gegner ... sie versuchen einen letzten Stoß ... aber jeder Widerstand ist nutzlos ... ‘ Sie brach ab, ihr Gesicht verzerrte sich. ,Sind das Schüsse ...? Nein ... aber da ist Feuer ... Flammen ... Verbrecher am Werk ...‘ Wie ohnmächtig sank Maria Paudler zusammen. [...] Hanussen aber beschwor die Anwesenden, nichts über diesen Teil der Seance zu veröffentlichen."
  Maria Paudler selbst schilderte den dramatischen Höhepunkt so: "Plötzlich fragte er [Hanussen] mich mit beschwörender Stimme, ob ich rote Kreise sähe? Klar flirrte es einem vor den Augen, wenn man in [S. 645] einem erleuchteten Raum, der noch dazu plötzlich von geheimnisvoller Hand leicht verdunkelt wird, die Augen schließt ... dann diese merkwürdigen Tierkreiszeichen ringsherum in dieser mir völlig ungewohnten Umgebung ... auch merkte ich das Glas Sekt, das mir noch immer keine Ruhe ließ ... und ich sagte: ,Ja!‘ Als er jedoch immer suggestiver weiter fragte, ob es auch Flammen sein könnten ... Flammen aus einem großen Haus ... fühlte ich mit untrüglichem Instinkt, daß diese Szene den üblichen Rahmen eines Gesellschaftsspieles zu sprengen begann, und ich zum Schauobjekt für diesen Herrn wurde." 101
  Demnach war es Hanussen selbst, der bei der Séance von "Flammen aus einem großen Haus" sprach. Dies deckt sich inhaltlich mit den Angaben im "Braunbuch" (I, S. 114) von 1933, daß Hanussen bei der Séance gesagt habe: "Ich sehe ein großes Haus brennen."
  Curt Riess, der ebenfalls angab, bei der mysteriösen Séance zugegen gewesen zu sein, berichtete, "daß das Geheimnis, der Reichstag würde brennen, ihm [Hanussen] von Helldorf anvertraut, von ihm preisgegeben wurde, um sich als Hellseher aufzuspielen." 102
  Am 20. März 1933 wurde Karl Ernst SA-Gruppenführer von Berlin-Brandenburg - anstelle des dieses Postens "enthobenen" Grafen Helldorf. 103 Am 24. März, einen Tag nach der Annahme des "Ermächtigungsgesetzes", dreieinhalb Wochen nach dem Reichstagsbrand und wenige Tage vor seiner Abreise nach Wien, wurde Hanussen von einem SA-Spezialkommando auf Befehl von Ernst verhaftet und noch in der folgenden Nacht ermordet. Zeitzeugen stimmen darin überein, daß ihm letztlich sein Wissen um die Reichstagsbrandstiftung zum Verhängnis wurde. 104



99 Eine fast komplette Sammlung der Hanussen-Zeitung findet sich in der Staatsbibliothek Berlin. [Zurück zum Text]
100 Dazu passen die van der Lubbe zugeschriebenen kleineren Brandstiftungsversuche am 25. Februar beim Wohlfahrtsamt Neukölln, dem "Roten Rathaus" sowie dem Berliner Schloß (vgl. BA [wie Anm. 13], ST 65/63. [Zurück zum Text]
101 Maria Paudler, "... auch Lachen will gelernt sein". Berlin 1978, 122-124. [Zurück zum Text]
102 Brief von Curt Riess vom 15.1.1967 (Archiv Landgericht Berlin, Staatsanwaltschaft bei dem Kammergericht Berlin, Ermittlungssache gegen a) Becker, Karl, b) Buske, Richard, wegen NSG, P (K) Js 10/68, Handakten, Bl. 57). [Zurück zum Text]
103 Schreiben Karl Ernsts vom 21.3.1933 an SS-Gruppenführer Daluege; Karteikarte 8184 in Personalakte Graf Helldorf (Bundesarchiv, ehem. Berlin Document Center). [Zurück zum Text]
104 So der frühere Reichstagspräsident Paul Löbe (Manuskript: Paul Löbe, Der Reichstagsbrand, Berlin, 27.2.1963, 4 f., Abschrift von Arno Scholz), Walther Korodi, 1932/33 Leiter der "Nationalen Abwehrstelle gegen bolschewistische Umtriebe" in Berlin (Anonym [= Walther Korodi], Ich kann nicht schweigen. Zürich 1936, 151-153) sowie Hanussens letzte Geschäftspartnerin Elisabeth Heine (Eidesstattliche Aussage vom 11.2.1957 in den Akten des Entschädigungsamtes Berlin, Reg.-Nr. 70511, Bl. A 55-A 57). [Zurück zum Text]


ZurueckAnfang Weiter
© Jürgen Schmädeke, Alexander Bahar, Wilfried Kugel