
Gegenstände aus dem Besitz von Marinus van der Lubbe
Quelle: Sluik/Kuppershoek: Radau.
Tatortfoto´s Marinus van der Lubbe (1933), ´S-Gravenhage 1994
Bis zur ersten Publikation der Alleintäterthese
von Fritz Tobias im Jahre 1959 gingen die Historiker praktisch
übereinstimmend davon aus, daß die Beantwortung der
Frage cui bono, da sehr bald nur noch die Nationalsozialisten
von den Folgen des Reichstagsbrandes profitierten, zu den Nationalsozialisten
als Tätern führe. Marinus van der Lubbe wurde als mißbrauchter
Scheintäter gesehen, die konservativen Koalitionspartner
als geschicklose Politiker und Fachminister, die von den Nationalsozialisten
getäuscht und überspielt wurden. Gewaltakte und Brandstiftungen,
für die den Kommunisten die Schuld zugeschoben wurde, waren
als Mittel nationalsozialistischer Politik bekannt. Aus Goebbels
Tagebüchern wußte man, daß es Taktik der Nationalsozialisten
war, den kommunistischen Aufstandsversuch erst einmal aufflammen
zu lassen, um die kommunistischen Organisationen gewaltsam zu
zerschlagen. Da der kommunistische Aufstand nicht aufflammte,
wurde er vorgetäuscht. Die mit dem Reichstagsbrand als angeblichem
Fanal des kommunistischen Aufstands in den letzten Tagen des Wahlkampfes
herbeigeführte Notverordnung vom 28.2.1933 schuf den Nationalsozialisten
"legale" Möglichkeiten zur Verhaftung der kommunistischen
Funktionäre und Abgeordneten, zur Ausschaltung der feindlichen
Wahlkämpfer und zur Potenzierung der eigenen Propaganda.
So erreichten die Nationalsozialisten am 5. März 1933 im
neu gewählten Reichstag durch das Fehlen der kommunistischen
Abgeordneten die absolute Mehrheit und ebneten sich den Weg zum
Ermächtigungsgesetz.
Fritz Tobias versuchte gegen diese Interpretation
nachzuweisen, daß die Frage cui bono gerade bei der Reichstagsbrandstiftung
als einem historischen Zufall, gleichsam einem Treppenwitz der
Weltgeschichte, nicht weiterführt. Der isolierte Einzelgänger
Marinus van der Lubbe habe die Tat allein begangen. Der Nutzen
fiel den Nationalsozialisten gewissermaßen in den Schoß,
weil sie die Brandstiftung als Beginn eines kommunistischen Aufstandes
mißverstanden und mit den durch vermeintlichen Notstand
begründeten außerordentlichen Machtbefugnissen erst
ihre Feinde und dann auch ihre Koalitionspartner ausschalten konnten.25
Die Dokumente des Fond 551 falsifizieren diese Deutungen
und zwingen dazu, nochmals zu überprüfen, inwieweit
nicht auch die konservativen Bündnispartner der Nationalsozialisten
von der "Kampffront Schwarz-Weiß-Rot" ein drängendes
Motiv für die Teilnahme an der Reichstagsbrandstiftung hatten
und die Nationalsozialisten ein starkes Interesse an deren Komplizenschaft.
Die überaus schnelle Machteroberung der Nationalsozialisten
im Jahre 1933 läßt im Rückblick leicht verkennen,
wie die Haltung der Koalitionspartner in der Hitlerregierung gegenüber
dem Reichstag tatsächlich aussah. Nicht nur die Nationalsozialisten,
sondern auch ihre Partner von der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot
wollten dem Reichstag als demokratischem Parlament unter allen
Umständen ein Ende bereiten. Die Nationalkonservativen waren
dem Reichstag gegenüber sogar noch feindlicher eingestellt
als die Nationalsozialisten.
Die Nationalsozialisten waren stärkste Fraktion
im Reichstag und nutzten ihre Reichstagspräsenz sehr effektiv.
Einer ihrer Führer, Göring, war Reichstagspräsident.
Sie konnten im Reichstag die Präsidialregierungen wirksam
bedrohen, bei möglichen Koalitionsregierungen unverzichtbarer
Partner sein, Einkommen für ihre in der Regel nicht gerade
wohlhabenden Funktionäre erzielen und sehr wirksam Propaganda
treiben. Die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot hatte keine relevante
Präsenz im Reichstag. Franz von Papen hatte sich mit seiner
früheren Partei, dem Zentrum, gründlichst überworfen
und besaß keinen eigenen parlamentarischen Anhang. Der Stahlhelm
war ein politischer Verband ehemaliger Frontkämpfer, der
die Parteiendemokratie explizit ablehnte und eine außerparlamentarische
Opposition zwecks Beseitigung des "Weimarer Systems"
zugunsten einer autoritären, monarchistischen Regierung betrieb.
Die Deutschnationale Volkspartei war mit ihrer geringen Anzahl
von Abgeordneten parlamentarisch ohne relevanten Einfluß
und ohne entscheidende Bedeutung für Koaltionsbildungen.
Auch ihr Ziel war die Beseitigung des "Weimarer Systems"
und des Parteieneinflusses zugunsten einer autoritären, die
Monarchie wieder errichtenden Regierung, wofür sie im Reichstag
aber kaum etwas bewirken konnte. Stattdessen zog sie sich noch
die Kritik ihrer Sympathisanten und potentiellen Wähler zu,
sich zu sehr am parlamentarischen System zu orientieren.
Im Januar und Februar 1933 war der Reichstag Hitlers
Koalitionspartnern - also von Papen, dem Stahlhelm und den Deutschnationalen
- gerade besonders verhaßt geworden. In ihm drohte die parlamentarische
Untersuchung eines Skandals, der viele prominente Mitglieder von
DNVP und Stahlhelm betraf und sowohl die Deutschnationale Partei,
von Papen, als auch den Reichspräsidenten Hindenburg und
sogar die von den Nationalkonservativen verehrte Familie des Kaisers
in Doorn an den öffentlichen Pranger zu stellen drohte. Hitlers
konservative Koalitionspartner hatten wirklich drängende
Motive, den Reichstag auszuschalten....
(Zur weiteren Ausleuchtung des Osthilfeskandals als einem möglichen Motivhintergrund nationalkonservativer Mittäterschaft am Reichstagsbrand hat Hersch Fischler ein zweites Manuskript angekündigt, das die Redaktion des Forums später nachreichen wird, Kulturbox)