Die Dokumente des Fond 551 falsifizieren sowohl die
Alleintäterthese von Fritz Tobias als auch den "positiven
Beweis" der Täterschaft eines NS-Brandstifterkommandos,
das den unterirdischen Gang benutzte, um in den Reichstag einzudringen
und nach der Brandstiftung wieder aus ihm zu flüchten. Die
Akten der preußischen Polizei und der gerichtlichen Voruntersuchung
legen, wie in späteren Abschnitten gezeigt wird, den Verdacht
nahe, daß neben nationalsozialistischen Tätern (zumindest
der NS-Abgeordnete Dr. Albrecht zählt hier zum engen Kreis
der Verdächtigen) auch solche aus Kreisen der NS-Bündnispartner,
der Kampffront "Schwarz-Weiss-Rot" (Deutschnationale,
Stahlhelm), an der Brandstiftung beteiligt waren und daß
die Täter Helfer unter den Beamten der Reichstagsverwaltung
hatten.
Der Fond 551 erlaubt keine vollständige Identifikation
der tatsächlichen Täter und der Rolle Marinus van der
Lubbes, läßt aber erkennen, daß alle später
für seine Brandstiftungstätigkeit im Reichstagsgebäude
vorgelegten Beweise einschließlich seines Geständnisses
manipuliert und falsch waren. Ermittlungen gegen tatverdächtige
Nationalsozialisten und Deutschnationale wurden von der - von
Göring ins Leben gerufenen - Reichstagsbrandkommission der
politischen Polizei, ab Ende April 1933 der Geheimen Staatspolizei,
geschickt be- und verhindert.
Die Blattangaben der Moskauer Übergabelisten
für den Fond 551 stimmen mit dem an das Bundesarchiv übergebenen
Bestand des Fond 551 nicht überein und lassen vermuten, daß
heute Dokumente des Fond 551 fehlen, u.a. Akten der Geheimen Staatspolizei
und der Göringschen Telefonabhörung. Mit den Akten des
Fond 551 arbeiteten zur Zeit des Kalten Krieges kaum Historiker,
sondern mehr KGB und Staatssicherheit. Aus den vorhandenen Akten
ergeben sich zahlreiche Beweise dafür, daß Beamte der
Politischen Polizei, darunter Tobias Kronzeugen Dr. Zirpins, Heisig
und Dr. Braschwitz, und Juristen der Geheimen Staatsspolizei 1933
strafbare Handlungen begingen, um die Ermittlungen der tatsächlichen
Täter zu verhindern und Marinus van der Lubbe falsch zu belasten
(Manipulation von Zeugenaussagen, eidliche Falschaussagen vor
dem Reichsgericht). In der Bundesrepublik waren diese Beamten
und Juristen in den fünfziger Jahren größtenteils
wieder in hohe Positionen des Staatsschutzes aufgestiegen und
deshalb ideale Ansatzpunkte für nachrichtendienstliche Erpressung
und Anwerbung. Dies dürfte auch der Grund dafür gewesen
sein, daß Sowjetunion und DDR die Akten des Fond 551 nicht
veröffentlichten, obwohl sie ihnen ideologisch sehr passend
gekommen wären. Die Zentrale Stelle für die Verfolgung
von NS-Straftaten hat nach dem Ende der DDR ähnlich gelagerte
Fälle nachgewiesen, in denen die DDR (und die Sowjetunion)
NS-Verbrechen nicht öffentlich aufklärten, weil sie
Interessen an der nachrichtendienstlichen Erpressung der Täter
hatten.23
Hinsichtlich der von Hofer und Calic präsentierten Nachlaßdokumente ist bei den bisherigen Fälschungsvorwürfen übersehen worden, daß diese Fälschungen, da sie während eines längeren Zeitraums aus der DDR kamen und im Westen veröffentlicht wurden, nicht ohne Wissen, Duldung oder sogar Mithilfe der DDR-Staatssicherheit zustande gekommen sein konnten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie von der Staatssicherheit zur Desinformation eingesetzt wurden. Im Westen war bekannt, daß sich die Originalakten des Reichstagsbrandverfahrens hinter dem Eisernen Vorhang befanden.24 Wäre ihre Veröffentlichung gefordert worden, hätten Sowjetunion und DDR entweder wichtiges - nachrichtendienstliche Aktivitäten gefährdendes - Material offenlegen oder die ihnen ideologisch sicher wichtigen Beweismaterialien für die Täterschaft der Nationalsozialisten und ihrer deutschnationalen Bündnispartner durch Fälschungen entwerten müssen. Mit den "sensationellen" (Hofer) Nachlaßdokumenten aus ganz anderer, privater Quelle, die scheinbar alles klärten und die Forschungsergebnisse der am aktivsten die These der NS-Täterschaft vertretenden Forschungsgruppe "bestätigten", konnte man erfolgreich von den Originalakten zum Reichstagsbrand ablenken. Da scheinbar alles geklärt war, wurden die Originalakten nicht mehr benötigt. Es ist auch nicht auszuschließen, daß Eduard Calic - anders als von Tobias, Janßen u.a. behauptet - nicht Täter, sondern Opfer der Fälschungen war. Man lieferte ihm Dokumente, die das "bestätigten", was er und Hofer vermuteten und bestätigt sehen wollten. Wie gut solch ein Trick funktioniert, lehrt unter anderem die Geschichte der Hitlertagebücher. Anerkannte wissenschaftliche Experten fielen u.a. deshalb bereitwillig auf das angebotene Material herein, weil die Fälschung zahlreiche Vermutungen über Hitler aus ihren Büchern entnommen und als Fakten präsentiert hatte und sie so eine unerwartete "Bestätigung" der ihnen liebgewordener Thesen erhielten.