1848-Geschichten aus der Berliner Märzrevolution



IV. Humor ist, wenn man trotzdem lacht - Mit Nante und Brenneke durch die Märzrevolution

12. Links, rechts oder mittenmang ins Zentrum? Nante im neuen Landtag


Nr.1: Nante wieder gewählt Januar 1849: Berlin befindet sich im Belagerungszustand. Nach dem Friedrich Wilhelm IV im Dezember 1848 eine Verfassung "von oben" erlassen hat, werden zu Beginn des neuen Jahres die ersten Wahlen zum Preußischen Landtag abgehalten. Viele Abgeordnete der ehemaligen Nationalversammlung, darunter auch Nante, werden wiedergewählt. Als der ehemalige Eckensteher seinen alten Freund Brenneke auf der Straße wiedertriftt, fällt es ihm sehr schwer, in der neuen Zeit einen klaren politischen Standpunkt zu beziehen.

Brenneke (Nanten begegnend):
Ju´n Morgen ooch Nante! Also haben se Dir wirklich wieder gewählt?

Nante (stolz):
Allerdings Proletarier. Wer sollte denn die Intelligenzen vertreten, wenn ick et nich dhu? -

Brenneke:
Da haste Recht. - Uebrigens, wenn Du so´nen geschichtlichen Rückblick uf Deine politische Wirksamkeit schmeißen dhust, det muß Dir doch vollständig beruhigen. -

Nante:
Gewiß, so gut wie den Großherzog von Baden. - Das Volk is übrigens ganz vernünftig gewesen, daß es uns wieder gewählt hat; denn wir haben nu schon eenmal in des Kammergeschäft gearbeet, un haben uns mit des Interpulliren gehörig eingeochst. -

Brenneke:
Ja Nante, Du stehst uf ´ne hohe Kolturstufe. - (Nante lächelt) Uf welche Seite wirste Dir denn dies mal setzen bei´s Revidiren: links, rechts oder mank des Zentrum?

Nante:
Das is noch ´ne verschleierte Thatsache. Ick habe mir schon den Kopp beinah anzwee gegriebelt, wat ick machen soll. Links, da riecht et mir zu sehre nach Schieß-Pulver; rechts, mehr als zu sehre nach Königs-Räucher-Pulver, un in de Mitte - na, da würd´et eigentlich gar nich riechen, wenn nich hin un wieder Eener von die dicke Pachter Feldkümmels Eenen -

Brenneke (unterbricht ihn):
Pfui, Nante! Ick muß den Ordnungsruf über Dir ergehen lassen! ...

Auch nach dem Rüffel seines Freundes kann Nante immer noch keine Entscheidung darüber treffen, wo er in der Zweiten Kammer des Landtags Platz nimmt. Brenneke macht ihm daraufhin den Vorschlag, sich in die Erste Kammer zum Adel zu setzen. Nante weist dieses Ansinnen entrüstet zurück. Unter den skeptischen Augen Brennekes verspricht er aber, das hohe Staatsministerium - von welcher Position auch immer - kräftig unter Druck zu setzen.

Nante:
Denkst Du etwa, wir wer´n Süßholz mit die Minister raspeln? - Da schneidst Du Dir bis uffen Knochen. Wir wer´n gehörig fragen: warum se uns belagert haben, warum se de Preßfreiheit suspendirt haben, warum se de Klübber ufgehoben haben, un weeß Gott, wat wir se noch Allens fragen wer´n.

Brenneke:
Wenn ihr nu aber schnoddrige Antworten kriegt. - Wat issen denn?

Nante:
Dann gehn wir nach de Conversations-Halle, wo Behrends schon zwee Fraktions-Stuben gemiethet hat, und protestiren. (Er sieht nach der Uhr) Aber nu isset Zeit; de Fraction wart´t schon uf mir.

Die beiden Freunde gehen ihrer Wege. Nante verschwindet in der Muschelgrotte der Conversations-Halle, um Wermut zu trinken. Brenneke dagegen muß ernsthaft arbeiten: Zettel ankleben - für eine staatstreue Druckerei, versteht sich.


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