1848-Geschichten aus der Berliner Märzrevolution



III. Wege aus der Not - Staatliche Fürsorge und revolutionäre Selbsthilfe

3. Arbeit für die Armen: In Berlin wird gebaut


Protest gegen die Verleumdung der Arbeiter, 5. April 1848 5. April 1848: Der "Volksverein unter den Zelten" protestiert gegen die Verleumdung der Arbeiterschaft. Das Dokument ist ein Zeugnis für die Angst vieler Bürger vor Raub und Plünderung, gibt bei genauem Hinsehen aber auch Hinweise auf die soziale Differenzierung der Arbeiterschaft. Die "Eisenarbeiter", d.h. die qualifizierten Maschinenbauarbeiter, werden als die Ordnungskraft genannt, die möglichen Gesetzesbrechern entschieden entgegentreten wird. Die subproletarischen Arbeitslosen, von denen sich die qualifizierte Facharbeiterschaft zunehmend abgrenzt, bilden in der Tat ein weitgehend unberechenbares Protestpotential. An sie richten sich auch die Notstandsprogramme des Berliner Magistrats.


Der Polizeipräsident zu den Arbeiten am Spandauer Kanal, 20. April 1848 Im Rahmen der Notstandsprogramme nimmt der Magistrat von Berlin im Frühjahr 1848 mehrere öffentliche Bauarbeiten in Angriff. Geplant sind u.a. der Abriß von mehreren Gebäuden auf dem Pulvermühlen-Terrain und der Neubau von drei Kirchen. Das bedeutendste Verkehrsprojekt ist der Bau eines Schiffahrtskanals von Moabit nach Spandau. Durch die Baumaßnahmen können zeitweise bis zu 5.500 Arbeiter beschäftigt werden.

Die Arbeitseinsätze werden über die städtischen Baubehörden organisiert. Dort werden Legitimationskarten ausgegeben, mit denen sich die arbeitswilligen Berliner auf den Baustellen melden können. Zu Beginn der Baumaßnahmen gibt es offensichtlich noch Koordinationsprobleme zwischen den Behörden und den Baustellenleitern vor Ort. Einige Arbeiter bekommen trotz einer Berechtigungskarte auf der Baustelle des Schiffahrtskanals keine Arbeit zugewiesen. Der Polizeipräsident kündigt Abhilfe an.


Bekanntmachung der Königlichen Kommission für die Ostbahn, 21. Juni 1848 Juni 1848: Die soziale Lage der Stadt soll mit gezielten Maßnahmen weiter entschärft werden. Die "Königliche Kommission für die Ostbahn" offeriert die Mitarbeit am Bau einer Eisenbahnstrecke in den preußischen Ostprovinzen. Akzeptiert werden alle arbeitsfähigen Männer Berlins über einem Alter von achtzehn Jahren. Der für die Erdarbeiten erforderliche Spaten ist von den Arbeitern selbst mitzubringen.


Umzug demonstrierender Arbeiter Die öffentlichen Baumaßnahmen des Jahres 1848 helfen vielen Menschen aus der unmittelbaren Not. Die Konzentration der Arbeiter auf den städtischen Baustellen führt allerdings auch zu einer vom Magistrat ungewollten Nebenerscheinung: Die Arbeiter organisieren sich und beginnen lautstark, für ihre Rechte zu demonstrieren. Als besonderer Bürgerschreck profilieren sich schon bald die "Rehberger" von der Baustelle des Spandauer Schiffahrtskanals.


Der Volksfreund "Nehmt unsere Gesinnungen Ihr Arbeiter, Ihr Proletarier, Ihr Armen, Ihr Unterdrückten mit dem Vertrauen auf, zu dem Ihr gedrängt werdet, wenn Ihr bedenkt, daß es junge Männer sind, die Euch in diesem Blatte einen Dienst zu erweisen gedenken, die Jugend, die ohne Interesse, ohne Rücksichten ihr geistiges Vermögen und ihre sorgsam, wenn auch erst kurze Zeit, gesammelten Erfahrungen Eurer Befreiung, Eurer Sache widmet."

Der Student Gustav Adolf Schlöffel ist nicht nur ein führender Kopf im Kampf gegen das indirekte Wahlrecht. Wie er schon in der ersten Ausgabe des revolutionären Blattes "Der Volksfreund" mit pathetischen Worten verkündet, will er sich zudem als Anwalt des einfachen Volkes profilieren. Zumindest die Rehberger hat Schlöffel mit seinem Temperament und jugendlichem Überschwang tief beeindrucken können. Für eine kurze Zeit steigt er zu ihrem unumstrittenen geistigen Führer auf.


Lied der Rehberger Ein scheenes Leben führen wir,
Ein Leben voller Freide:
Der Dag verjeht bei Schnaps und Bier,
Un Abends dann erholen wir
Uns in der Jungfernheide.

Das "Lied der Rehberger" ist zwar satirisch zugespitzt, entspricht mit seiner Kritik an den Zuständen am Spandauer Schiffahrtskanal aber durchaus den Tatsachen: Agitatoren wie Schlöffel haben das Selbstbewußtsein der Arbeiter erheblich gesteigert. Viele Rehberger kommen daraufhin sehr schnell zu der Erkenntnis, daß ein zügiges Arbeiten zu einem ungewollt raschen Abschluß der Baumaßnahmen führen könnte. Die proletarische Trinkfreude wird zudem immer wieder von konservativen Kräften ausgenutzt. Durch den gezielten Ausschank von Alkohol versuchen sie wiederholt, die Arbeiter in ihrem Sinn zu beeinflussen.

Trinkerei und Bummelei sind auch auf anderen städtischen Baustellen auf der Tagesordnung. Nicht nur am Schiffahrtskanal werden fleißige Arbeiter bedroht und verprügelt. Der verärgerte Magistrat reagiert auf diese offensichtlichen Mißstände mit Entlassungen und der Einführung von Akkordlöhnen, wogegen die betroffenen Arbeiter wiederum wütend protestieren.

Der Magistrat macht im Lauf des Jahres 1848 immer wieder die unbequeme Erfahrung, daß die städtischen Erdarbeiter eben nur schwer zu disziplinieren sind. Nicht alle Konflikte gehen jedoch so blutig aus wie die "Schießerei auf dem Köpenicker Feld" - die folgenschwerste Auseinandersetzung von Arbeitern mit der Bürgerwehr.


Nächstes Thema | Startseite | Kapitel I | Kapitel II | Kapitel III | Kapitel IV | Chronik | Bildindex | ZLB | Kontakt | Zurück