1848-Geschichten aus der Berliner Märzrevolution



I. Von Wahlmännern und Urwählern - Der Streit um das rechte Verständnis von Volkssouveränität

7. Der demokratische Urwähler lebt weiter


Humoristischer Rückblick auf das Jahr 1848 Dezember 1848: Ein humoristischer Rückblick auf das Jahr 1848. Auf dem Titelbild vertreibt General Wrangel Demokraten und andere kritische Geister. Doch der Sieg der Reaktion ist nicht perfekt.


Schultze und Müller Januar 1849: Die Abenteuer der beiden Berliner Urwähler Schultze und Müller. Die Karikatur zeigt den Streit der beiden Kampfhähne und zwei extreme Reaktionsweisen: Schultze denunziert Müller beim ultrakonservativen "Preußen-Verein" als Republikaner - Müller besorgt sich einen Dolch, um als politischer Verschwörer den reaktionären Monarchisten den Garaus zu machen.


Zu Beginn des Jahres 1849 stehen den Demokraten Berlins aber auch noch andere Mittel des politischen Protestes zur Verfügung. Sie können sich zur Vorbereitung der Landtagswahlen vollkommen legal in Bezirkswahlvereinen organisieren. Das zuvor energisch bekämpfte indirekte Wahlverfahren bietet bei der Vorstellung der Wahlmänner und ihrer Programme ein breites Forum für politische Agitation. Nach dem Erfolg in den Wahlen vom 22. Januar 1849 kann sich das liberale und demokratische Lager trotz obrigkeitsstaatlicher Widerstände sogar in einer neuen "Volkspartei" organisieren.

Erst nach dem Verfassungseid Friedrich Wilhelms IV. und dem Erlaß eines verschärften Versammlungs- und Presserechts werden die kritischen politischen Kräfte Berlins im Frühjahr 1850 endgültig in die Illegalität gedrückt. Unter dem neuen Polizeipräsidenten Hinckeldey werden nicht nur die Volkspartei, sondern auch Einrichtungen wie der Handwerkerverein verboten.


Urwähler-Zeitung Eine größere Kontinuität hat dagegen die "Urwähler-Zeitung", die der aus Danzig zugewanderte Verleger Aaron Bernstein im Frühjahr 1849 als "Organ für Jedermann aus dem Volke" gründet. Als die Zeitung 1853 kurzfristig verboten wird, erscheint sie schon zwei Wochen später unter dem neuen Namen "Volks-Zeitung". Um einem erneuten Verbot des Blattes vorzubeugen, weichen die Redakteure in den finsteren Zeiten der Reaktion von engeren politischen Inhalten auf allgemeine Themen der Volksbildung aus. In den Artikeln finden sich auch Abhandlungen über Nationalökonomie und Naturwissenschaften. Mit diesem erfolgreichen Konzept wird die Volks-Zeitung 1861 mit mehr als 26.000 Abonnenten zur auflagenstärksten Zeitung Berlins. Als sich zur gleichen Zeit der politische Liberalismus neu zu organisieren beginnt, vertritt das Blatt die Linie der neuen Deutschen Fortschrittspartei.

Die Geschichte der Zeitung veranschaulicht auf exemplarische Weise, daß die Urwähler von 1848 auch nach dem Siegeszug der Reaktion nicht ihren Anspruch auf politische Selbstbestimmung und Bildung aufgegeben hatten. Die Revolution hatte Spuren in der Kultur der Stadt und in dem Bewußtsein der Menschen hinterlassen, die sich auch mit den Machtmitteln des preußischen Obrigkeitsstaates nicht mehr aus der Welt schaffen ließen.


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