1848-Geschichten aus der Berliner Märzrevolution



I. Von Wahlmännern und Urwählern - Der Streit um das rechte Verständnis von Volkssouveränität

4. Die Massendemonstration wird abgesagt


Versammlung des Demokratischen Clubs Der Streit um das Wahlrecht läßt auch die Konturen der politischen Landschaft Berlins im Frühjahr 1848 deutlicher hervortreten. Zu einem entschiedenen Gegner der Wahlgesetze des neuen Staatsministeriums entwickelt sich schon bald der "Politische Club", der am 21. März 1848 zunächst als Sammelbecken der gesamten Oppositionsbewegung gegründet worden war. Neben Studenten und kritischen Akademikern stoßen schon bald auch vermehrt Arbeiter zum Club. Im Mai 1848 erhält die Vereinigung konsequenterweise die Bezeichnung "Demokratischer Club" und tagt, wie auch andere politische Vereine, in verschiedenen Lokalen und Sälen der preußischen Hauptstadt.

Der am 27. März 1848 gegründete "Konstitutionelle Club" unterstützt generell gesehen den Kurs des gemäßigt liberalen Kabinetts Camphausen. In diesem Verein finden sich vor allem gehobene Beamte, Gelehrte und Vertreter des gewerblichen Mittelstandes.


Der Konstitutionelle Club an die Mitbürger, 18. April 1848 18. April 1848: Der Konstitutionelle Club spricht sich für eine störungsfreie Durchführung der indirekten Urwahlen aus und warnt vor den schädlichen Folgen, die eine Massendemonstration für das politische und wirtschaftliche Leben der Stadt haben könnte. Der Club spricht hiermit zugleich für breite Kreise der Berliner Bürgerschaft, die genau einen Monat nach den Barrikadenkämpfen ebenfalls einen erneuten Ausbruch der Gewalt befürchten.


Der Polizeipräsident: Dringende Ansprache, 20. April 1848 20. April 1848: Die geplante Massendemonstration zum Schloß wird vom Berliner Polizeipräsidenten wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit verboten. Schon am 18. April hatte sich auch der Politische Club gegen die Demonstration ausgesprochen. Nachdem neben den liberalen Kräften der Handwerkerverein und die Stadtverordnetenversammlung gegen den Demonstrationszug votiert hatten, erscheint nun auch den Demokraten eine mögliche Konfrontation mit der Bürgerwehr als unwägbares politisches Risiko. Das neue "Zentralkomitee für Arbeiter" folgt einen Tag später den taktischen Erwägungen des Politischen Clubs.


Proklamation des Volkswahlkomitees, 20. April 1848 Nach dem Verlust der Unterstützung durch die Arbeiterschaft und die Demokraten gibt nun auch das Volkswahlkomitee auf. Der Verein protestiert zugleich entschieden gegen die staatliche Einschränkung des Demonstrationsrechts.


Adresse an den gefangenen Schlöffel, 10. Mai 1848 Dem Streit über die geplante Massendemonstration folgt der erste politische Prozeß unter dem neuen Ministerium Camphausen. Schon am Morgen des 21. April 1848 wird der Student Schlöffel als einer der führenden Organisatoren des Volkswahlkomitees verhaftet. Der radikale Student hatte sich bis zuletzt für eine Durchsetzung des Demonstrationszuges eingesetzt und für den Einsatz von Waffengewalt plädiert. Am 10. Mai wird Schlöffel wegen versuchten Aufruhrs zu sechs Monaten Festungshaft verurteilt. Der "Volksverein unter den Zelten" grüßt den gefangenen Kampfgenossen mit den pathetischen Worten: "Du wirst siegen unser Bruder, und aus den Trümmern Deines Kerkers wie ein leuchtender Stern emporsteigen."

Schlöffel gelingt es in der Tat, noch vor Ablauf seiner Strafe aus einem Magdeburger Zuchthaus zu fliehen. Im Frühjahr 1849 wird er als aktiver Teilnehmer an den badisch-pfälzischen Revolutionskämpfen tödlich verwundet.


Karikatur: An ihren Hüten sollt Ihr sie erkennen! "An ihren Hüten sollt Ihr sie erkennen" ... die politischen Gruppierungen Berlins. Die Karikatur vermittelt vor allem interessante Aufschlüsse über das Lager, das gemeinhin mit dem Sammelbegriff "Demokraten" bezeichnet wird. Gegenüber dem Adel und den konstitutionell-liberalen Kräften des Ministeriums Camphausen formieren sich Ende April 1848 die gemäßigten Demokraten in dem "Reformclub". Diese gemeinhin als "blaue Demokraten" bezeichnete Gruppe kann von den "roten Demokraten" unterschieden werden, die entschlossen auf das Ziel demokratische Republik zusteuern.

Wie das Beispiel des Studenten Schlöffel zeigt, ist ein Teil der roten Republikaner durchaus gewillt, diese Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Die Darstellung der zerlumpten "Anarchisten" ist auch als Hinweis auf die Gewaltbereitschaft der städtischen Unterschichten zu verstehen - der Zielgruppe von Agitatoren wie Schlöffel.

Eine Woche nach den Urwahlen vom 1. Mai 1848 finden in Berlin die Wahlen der Abgeordneten für die konstituierende Preußische Nationalversammlung statt. Am 10. Mai werden dann die Deputierten für die Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt am Main bestimmt. Trotz indirekter Wahl durch die Wahlmänner haben die Vertreter der Konservativen in der preußischen Hauptstadt keine Chance. Nach Frankfurt und Berlin werden nur liberale und demokratische Vertreter der "Märzbewegung" gewählt. Die konservativen Abgeordneten des gesamtpreußischen Parlaments kommen aus den Provinzen. Die Geschicke des preußischen Staates werden jedoch auch ab dem Mai 1848 nicht nur am Potsdamer Hof Friedrich Wilhelms IV., im Staatsministerium und in der Nationalversammlung entschieden. Die "Straßendemokratie", die von den Volksversammlungen "In den Zelten" aus immer weitere Kreise zieht, bleibt ebenfalls ein bestimmendes Element des Berliner Revolutionsgeschehens.


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